Von der Wachstumsspirale in die Wirtschaftskrise?

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  • #8998

    difuori
    Teilnehmer

    Hallo,

    Ich lebe seit Jahrzehnten umweltfreundlicher als der westliche Durchschnitt. Seit einigen Jahren freue ich mich zu beobachten, dass viele Bekannten das Konsumverhalten verändern und insgesamt wenigere Ressourcen verbrauchen und indes auch die Erzeugung von CO2 reduzieren. Ein Beispiel: Eine Familie verkauft 2 SUVs und fährt nur Fahrrad. Für die Umwelt eine riesige Verbesserung. Für die Wirtschaft eine Verschlechterung des Verbraucherverhaltens. Unser System basiert doch auf Wachstum, eine Rezession erscheint mir vorprogrammiert zu sein. Wie können wir das Konsum reduzieren und aus der Wachstumsspirale kommen ohne in eine Weltwirtschaftskrise zu stürzen? Wo kann ich Studien zu diesem Thema finden?

  • #9003

    norbert-brummer
    Teilnehmer

    Heikle Frage…

    Über die Antwort wird ja nun schon seit Jahren gestritten…

    Ich denke das die Logik alleine schon klarmacht dass es so nicht ewig weitergehen kann. Zum einen ist ewiger Wachstum nur schwer vorstellbar. Wie soll das gehen und wo soll das Enden? Zum anderen gibt es nur eine bestimmte Menge Geldwert auf der Welt. Man kann kein Geld „machen“. Man kann es drucken, dann verliert es aber seinen Wert. Wenn es aber nur einen bestimmten Geldwert gibt und wir wachsen immer weiter, wo kommt dann das Geld her? Richtig, irgendwer muss was abgeben und hat dann weniger. Seien es Menschen die für einen Hungerlohn Kobalt in Afrika für unsere Handys abbauen oder der Lohnsklave der uns unser Paket mit Katzenstreu von Amazon bringt (natürlich Amazon Prime, damit man die Versandkosten spart).

    Seit einiger zeit wird ja wieder über die Schere zwischen Arm und Reich geredet. Meist geht es bei der Arm-Reich Debatte ja um soziale Themen, aber die ökologischen haben den selben Grund. In der „Scheren-Debatte“ wird das Problem erkannt aber niemand hat einen zufriedenstellenden Vorschlag – weil die Interessen ganz einfach anders gewichtet sind.

    Ich bin Mitte 40 und seit dem ich denken kann wird mir erzählt dass ich kaufen muss um wer zu sein.

    Aber das hast Du ja gar nicht gefragt. Sondern nach einer Antwort auf die Frage des Problems.

    Es ist tatsächlich gar nicht so einfach was zu finden. Es gibt unzählige Interviews mit Leuten die sagen das man was ändern muss. Vom Strickpulli-Öko bis zum Wirtschaftsweisen, wer sich damit beschäftigt sagt es kann so nicht weitergehen. Aber  wirtschaftliche Publikationen wie es dann stattdessen funktionieren soll sind schwer zu finden… was wahrscheinlich auch das Problem erklärt warum seit über 30 Jahren niemand wirklich auf die Wissenschaft hört…

    https://www.youtube.com/watch?v=z3EoCKgzLo4 – da erklärt Volker Quansching, unter anderem, sehr schön wieso viele Publikationen niemand wahrnimmt. Und auch wie es wirtschaftlich im Moment gehandhabt wird (im Bezug auf erneuerbare Energien).

    Das Institut für Ökologische Wirtschaft veröffentlicht auch gerne mal was online – https://www.ioew.de/

    Und auch das Bundesministerium für Forschung und Bildung veröffentlicht gerne mal was. Da muss man sich durch die Suchfunktion kämpfen – https://www.bmbf.de/publikationen/?L=1

    Ansonsten hilft die lokale Bibliothek gerne und vor allem Kostenlos weiter. Allerdings muss man da, meiner Erfahrung nach, ziemlich genau wissen wonach man sucht, sonst geht man in der Unmenge an Infos verloren…

    Vielleicht hilf Dir der eine oder andere Link ja… 🙂

  • #9004

    norbert-brummer
    Teilnehmer

    Ich bin eher technisch unterwegs, weswegen ich Frau Göpel ganz vergessen habe…

    https://www.youtube.com/watch?v=3vhuFlVGBeI – Maja Göpel analysiert sehr ausführlich wie Wirtschaft und Ökologie funktionieren…

  • #9013

    difuori
    Teilnehmer

    Hallo Norbert,

    danke für die Antwort und für die Links! Insbesondere IÖW fand ich sehr interessant, ich habe da ein Link zu http://www.postwachstum.de gefunden, ich werde mich da dokumentieren.

    Bisher hatte ich sonst im Zusammenhang mit Konsum, Wirtschaft und Klimawandel immer die gleichen Aussagen gefunden:

    1.      Um den Klimawandel entgegen zu wirken muss sich das Konsumverhalten ändern. Die beste Lösung ist immer Konsum zu vermeiden. Zwar gibt es CO2-neutrale Produkte und Dienstleistungen (sowie CO2-Kompensation), diese sind aber idR weniger umweltfreundlich als Verzicht.

    2.      Die direkten Folgen der Klimaveränderung auf die Wirtschaft können verehrend werden, z.B. in der Landwirtschaft durch massive Ernteausfälle wg. Trockenheit.

    Für mich besteht eine logische Folge:

    Klimakrise –> Konsumvermeidung –> Wirtschaftskrise

    Und dazu hatte ich erstaunlicherweise bisher noch nichts gelesen.

    Am Beispiel Landwirtschaft, wenn die Klimaerwärmung weiter voranschreitet, wird es sich ein Eingestellter bei einem Landwirtschaftsmaschinen-Hersteller gut überlegen, ob er in den Urlaub nach Mallorca fliegen sollte: Er riskiert bald sein Job und dazu möchte er das Klima nicht weiter belasten. Somit geht bald auch der Reiseveranstalter in die Knie. Ähnliche Beispiele kann man mit vielen Branchen machen. In der Automobilindustrie gehen bereits Tausende Arbeitsplätze verloren.

    „Auch blei Kleinigkeiten wie einer Kinokarte oder dem Restaurantbesuch werden sich die Menschen fragen, ob sie sich das wirklich leisten wollen“. Und aktuell aus zwei Gründen: Wie viel CO2 erzeuge ich damit? Und wie sicher sind meine Finanzen aktuell?

    Für die Wirtschaft ist das Gift. Denn unsere Gesellschaft lebt vom Konsum, besser gesagt von dem Wunsch nach mehr.

    Die Sätze in Aufführungszeichen kommen aus diesem Welt.de Artikel vom 2008. Damals hatten die Regierungen Milliarden mobilisiert, um die Menschen für mehr Konsum zu motivieren. Wie kommt man in Zukunft aus einer Krise, ohne die Menschen zu motivieren, mehr CO2 zu erzeugen?

    Ich möchte nicht pessimistisch klingeln, ich versuche zum Ausdruck zu bringen, dass dies derzeit ein Dilemma ist. Es wundert mich, dass dieses „Postwachstum“ noch nicht in aller Munde ist.

    Und ja, an ewiges nachhaltiges (CO2- und Ressourcen-neutrales) Wirtschaftswachstum glauben wir beide nicht, aber dies ist aktuell das offizielle 8. Ziel für nachhaltige Entwicklung!

    Ein Denkanstoß dazu:

    I=PAT    sehr vereinfachte Gleichung, aber hilft bei den Überlegungen: 11 Mrd Menschen werden für das Jahr 2100 prognostiziert (P). Um gleichzeitig die Umweltauswirkung (I) zu reduzieren brauchen wir zauberhafte Technologien (T) und möglichst keine Wirtschaftswachstum (A), was aber mit dem heutigen System zu einer Finanzkrise führen würde (und ohne Geld kann man die Technologien auch vergessen)…

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