Lebensgemeinschaft Tempelhof: Eine Hightech Kommune zwischen Ulm und Würzburg

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  • #1351

    Ich hab mir gestern Abend in der ZDF Mediathek einen Bericht über die „Gemeinschaft Tempelhof“ angesehen und bin einerseits fasziniert, andererseits skeptisch. Kennt jemand diese Gemeinschaft? Mir ist aus dem Bericht nicht klar geworden, wie die Bewohner dort ihren Lebensunterhalt finanzieren. Laut Reportage muss jeder 20 Stunden pro Woche für die Gemeinschaft arbeiten. Das bedeutet, dass man maximal noch einen externen Halbtagsjob haben kann, oder? Wie finanzieren sich solche Projekte? Ist die Verpflegung, die Unterkunft etc. kostenlos für die Mitbewohner?

    Fände es spannend, mich dazu mit euch auszutauschen.

    „Es ist ein gesellschaftliches Experiment: In der süddeutschen Provinz im Dorf Tempelhof leben 120 Ex-Städter in einer Art schwäbischem Hightech-Kibbuz zusammen.“

    https://www.zdf.de/migration/migration/anders-wohnen-raus-aufs-land-102.html

  • #1358
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    Maria_L
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    Jetzt habe ich den Film auch fertig angeschaut und nebenbei meine Eindrücke notiert.

    „einerseits fasziniert, andererseits skeptisch“
    Ja, so geht es mir auch oft…zumindest bei den Projekten, die ich nicht gleich wegen irgendwelchen weltanschaulichen Einschränkungen schrecklich finde.

    Solche Einschränkungen nehme ich hier nicht wahr. Deshalb gefällt mir das Projekt recht gut.

    Ich glaube mit den 20 Stunden pro Woche hast Du Dich verhört.
    Ich habe 20 St. / Monat verstanden (min. 3.38).

    Das finde ich völlig im Rahmen, weil man ja auch in der Kleinfamilie Zeit für Küchenarbeit und evt. Gartenarbeit ect. benötigt, die hier dafür weg fällt.

    Eigentlich haben solche Konzepte nur Vorteile:
    Man spart Zeit, wenn nicht jeder jeden Tag kocht.
    Kann gute Profigeräte gemeinsam nutzen.
    Kann Kinderbetreuung gemeinsam organisieren.
    Kann mit Großeinkäufen Geld sparen.
    Kann Tiere haben und Garten bewirtschaften und dennoch mal verreisen.
    Kann auf dem Land leben und ist dennoch nicht alleine.

    Leider habe ich selbst noch keine solche Gemeinschaft kennen gelernt, wo mich nicht religiös-weltanschauliche Themen gestört hätten. Da zähle ich jetzt auch Vorgaben dazu, wie „hier darf nur vegetarisch / vegan gekocht werden ect.

    Ich habe da schon gewisse traumatisierende Situationen erlebt, die viele Jahre her sind, aber so geprägt haben, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß mein Mann + ich unser geliebtes Eigenbrötler-Leben noch mal aufgeben würden.

    So Dinge wie täglicher Morgenkreis, regelmäßig gemeinsames Essen ect. lassen meine Nackenhaare stramm stehen.
    Ich schätze an meiner Selbständigkeit ja auch sehr, daß wir selbst bestimmen, wann wir aufstehen, wann wir essen ect.
    Auch wenn das dann im Endeffekt erstaunlich routinemäßig abläuft.

    Was natürlich für die LG spricht, ist das Thema Mehrgenerationen-Leben.
    Wäre es nicht schön, im Alter in so eine Gemeinschaft eingebunden zu sein?
    Sowas sollte man sich natürlich frühzeitig überlegen, nicht erst, wenn man schon pflegebedürftig ist.
    Der eine Mann sagt, seine Mutter hätte schon angemeldet, auf den Hof zu kommen, wenn sie krank wird und er freut sich, daß er sie dann nicht alleine pflegen muß.
    Aber was, wenn jetzt alle Eltern auf die Idee kommen?
    Was kann so eine Gemeinschaft tragen?

    Man bemüht sich um Konsens-Entscheidung, statt Mehrheitsentscheidung.
    Das finde ich sehr mutig. In meinem früheren Job gab es drei Chefs, die in der GmbH vereinbart hatten, alles einstimmig entscheiden zu müssen. Das hatte zur Folge, daß gar nichts mehr entschieden werden konnte, weil sie irgendwann so verstritten waren, daß immer einer geblockt hat. Und das waren nur 3 Leute.

    Aber ich kenne natürlich auch bessere Beispiele, wo man auf grundsätzliche Wertschätzung bauen kann. Diese muß also unbedingte Prio haben.

    Ganz toll finde ich die Kinderbetreuung im Waldkindergarten.
    Ich denke, wenn ich Kinder hätte, dann wäre das ein absolutes Argument für so ein Wohnprojekt gewesen.
    Das nächste Projekt „Freie Schule“ finde ich dagegen etwas bedenklich.
    Ich fände wichtig, daß die Kinder auch mit anderen Kindern und Themen außerhalb der LG in Berührung kommen und nicht nur in diesem Kokon aufwachsen.

    Logisch daß mir das Konzept mit dem Gärtnern als Gemeinschaftsarbeit gefällt. Das tut den Büro-Jobbern als Ausgleich gut und für die Gärtner ist es auch eine schöne Abwechslung und Erleichterung wenn immer wieder andere Menschen mit helfen.
    Natürlich ist es auch eine gewisse Herausforderung, die immer wieder neu einzulernen.

    Also unterm Strich bleibt die Erkenntnis, daß ich grundsätzlich offen bleibe für solche Projekte. Allerdings habe ich das nicht alleine zu entscheiden und ich / wir würden das schon sehr genau überlegen und vorab prüfen, was ja auch vorgesehen ist.

  • #1361

    Mhm, da hat das System soeben meinen Beitrag „verschluckt“. Also noch ein Versuch:

    Erstmal danke, dass du dir die Reportage angeschaut hast. 🙂 Ich denke tatsächlich noch immer über diese Lebensgemeinschaften nach. Selbst könnte ich da nicht wohnen, weil sich bei mir, ähnlich wie bei dir, die Nackenhaare sträuben, wenn ich an Morgenkreise und gemeinsames Frühstück denke. Ich bin auch eher der Eigenbrödler und brauche besonders morgens meine Ruhe, bis ich in die Gänge komme. Da ist es mir ja mit zwei Kindern teilweise schon zu trubelig. 😉

    Auch die Konsensentscheidungen würden mich eher nerven. Ich bin seit acht Jahren Elternvertreterin in einer reformpädagogischen Schule. Was ich da an fruchtlosen Diskussionen erlebe und an Unmöglichkeiten auf einen Nenner zu kommen, macht mich echt fassungslos.

    Allerdings finde ich den Gedanken des Miteinanders wiederum auch irgendwie ansprechend. Mein Traum ist es beispielsweise im Alter mit ganz vielen Freunden im gleichen Alter zusammen zu leben. Wenn die Kinder nicht mehr zu Hause wohnen und das Leben generell nicht mehr so „voll“ ist, könnte ich solche Gemeinschaften wahrscheinlich eher genießen.

    Vom Mehrgenerationenhaus bin ich sowieso Fan. Ich verstehe gar nicht, dass das nicht einfach die übliche Art des Zusammenlebens ist. Das hat doch eigentlich nur Vorteile. Jeder hat seins, aber man achtet aufeinander und sorgt füreinander. Gerade in der heutigen Zeit, wo viele Familien so weit auseinander leben, ist das doch eine tolle Lösung.

    Spannend finde ich deine Aussage zu deinen negativen Erfahrungen mit Lebensgemeinschaften. Magst du mal mehr erzählen?

  • #1362

    Her ist übrigens noch ein toller Artikel aus der SZ über Tempelhof:

    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/38953/1/1

    Das klingt tatsächlich ziemlich beeindruckend.

  • #1382
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    Maria_L
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    „Auch die Konsensentscheidungen würden mich eher nerven. “
    In gewissem Sinne erleichtert es mich, zu hören, daß es Dir auch so geht und Du ähnliche Erfahrungen damit machst.

    Ich dachte wir (mein Mann + ich) sind einfach zu alt und zu verknöchert um das richtig zu machen. Ich könnte da auch Romane aus frustigen Erlebnissen erzählen…lass mich bloß nicht davon angefangen. 😉

    Um so schöner, auch hin und wieder von positiven Erfahrungen zu lesen.

    Meine Erfahrungen mit Lebensgemeinschaften beziehen sich auf die Zeit meiner Gärtner-Lehre in Unterfranken.
    Das war im Kinderdorf Salem (ich nenne jetzt das Kind einfach mal beim Namen, sollte das heute nach über 30 Jahren anders sein, dann entschuldige ich mich gleich mal bei den Akteuren).
    Dort lebten Kinder (Sozialwaisen), KinderbetreuerInnen, Lehrlinge, Praktikanten ect. in einer großen Gemeinschaft in einem richtigen Dorf.

    Es gab Auflagen bezüglich kein Fleisch, kein Fernseher, kein Rauchen, keine Bilder an der Wand, keine Stofftiere für die Kinder, strenger Feiertag war Samstag.

    Letzteres hatte was mit der Religion des Initiators des Kinderheim-Projekts zu tun.

    Obwohl ich damals kein Fleisch aß, noch nicht rauchte (habe ich dort erst angefangen ;-)) und auch nie einen Fernseher besessen hatte, waren mir diese Verbote sehr zuwider und wegen den Wandbildern und Feiertag am Samstag wäre mir mehrmals beinahe gekündigt worden.

    Da das Projekt auf der anderen Seite ja sehr erfolgreich war (und ist) – mit vielen Dörfern auf der ganzen Welt – war es sehr schwer, sich gegen die unsinnigen Verbote moralisch zu behaupten.
    Die Stimmung war mies, die Bewohner sehr kreativ, wenn es darum ging, die Verbote zu umgehen (Fernseher im Kleiderschrank, Tannenduft-Spray nach Rauchen ect.)

    Zeitgleich hatte ich einen Freund, der versuchsweise in einer Gemeinschaft eingezogen war.
    Er war damals auf der Suche nach seinem Platz, weil er als ältester Sohn aus einem Bauernhof diesen zwar erben sollte, aber nichts so machen durfte (bio), wie er wollte.

    Diese Gemeinschaft wurde von Urchristen gegründet und war u.a. gedacht, ehemaligen Drogenabhängigen ein suchtfreies leben zu ermöglichen.
    Also ebenfalls nach außern moralisch einwandfrei.
    Im Inneren wurden die dreijährigen Kinder zur Feldarbeit gezwungen…nur so als Beispiel, es war einfach nur schrecklich.
    Ich war da zum Glück nur ein paar Mal zu Besuch.

    Beide Erlebnisse haben bei mir ein sehr tiefes Mißtrauen gegen Gemeinschaften erzeugt, die sich nach außen abschotten mit dem Anspruch moralisch bessere zu sein, als „Die Anderen“.

    In den Folgejahren hatte ich immer mal wieder flüchtigen Einblick in ähnliche Konstellationen, die auch nicht gerade die Lust geweckt haben.
    Hatte aber auch gute Erfahrungen in WG’s .
    Allerdings waren das dann immer überschaubare Kleinstgruppen.

    Von diesem moralischen Anspruch habe ich in dem Film nichts bemerkt…aber das sieht man natürlich erst von innen.

    Ich denke, je offener und pragmatischer solche Gruppen sich in erster Linie mit dem Ziel zusammenfinden, Vorteile aus dieser Lebensform zu schöpfen statt mit moralischem Weltverbesserungs-Anspruch, desto besser kann es klappen und das Thema wird mich sicher noch länger beschäftigen.

     

  • #1383
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    Maria_L
    Participant

    »So geschäftsmäßig, wie ihr gestern auf der Sitzung diskutiert habt, unterscheidet ihr euch ja gar nicht groß von der Welt draußen.«

    Wäre ein klares Argument FÜR Tempelhof. 😉

  • #1446
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    Maria_L
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    Hier kann man so ein Dorf-Gemeinschaftsleben sogar „studieren“:

    Die Dorfuniversität

  • #1497
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    kipp
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    Ist Gut wie soll sich den einer mit 20000 € Einkaufen der Nicht hat oder Kann

    • #1498
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      WernerMax
      Participant

      Von nix kommt nix. So isses nu mal im Leben. 😉

    • #1501
      Profilbild von Maria_L
      Maria_L
      Participant

      Ganz ehrliche Gegenfrage, warum sollte man einen, der „der Nicht hat oder Kann“ in so einer Wohngemeinschaft haben wollen?

      Was sind schon 20000 Euro, das zahlt man ja an Miete auch innerhalb relativ kurzer Zeit.

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