Ein schönes Gedicht

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  • #9568

    gantniss
    Teilnehmer

    Augen in der Großstadt
    von Kurt Tucholsky

    Wenn du zur Arbeit gehst
    am frühen Morgen,
    wenn du am Bahnhof stehst
    mit deinen Sorgen:
    dann zeigt die Stadt
    dir asphaltglatt
    im Menschentrichter
    Millionen Gesichter:
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider –
    Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
    vorbei, verweht, nie wieder.

    Du gehst dein Leben lang
    auf tausend Straßen;
    du siehst auf deinem Gang,
    die dich vergaßen.
    Ein Auge winkt,
    die Seele klingt;
    du hast’s gefunden,
    nur für Sekunden…
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider –
    Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
    vorbei, verweht, nie wieder.

    Du mußt auf deinem Gang
    durch Städte wandern;
    siehst einen Pulsschlag lang
    den fremden Andern.
    Es kann ein Feind sein,
    es kann ein Freund sein,
    es kann im Kampfe dein
    Genosse sein.
    Es sieht hinüber
    und zieht vorüber…
    Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
    die Braue, Pupillen, die Lider –
    Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
    Vorbei, verweht, nie wieder.

  • #9595

    gantniss
    Teilnehmer

    Der Frühling hat sich eingestellt;
    Wohlan, wer will ihn sehn?
    Der muß mit mir ins freie Feld,
    Ins grüne Feld nun gehn.
    Er hielt im Walde sich versteckt,
    Daß niemand ihn mehr sah;
    Ein Vöglein hat ihn aufgeweckt;
    Jetzt ist er wieder da.
    Jetzt ist der Frühling wieder da;
    Ihm folgt, wohin er zieht,
    Nur lauter Freude, fern und nah
    Und lauter Spiel und Lied.
    Und allen hat er, groß und klein,
    Was Schönes mitgebracht,
    Und sollt’s auch nur ein Sträußchen sein,
    Er hat an uns gedacht.
    Drum frisch hinaus ins freie Feld,
    Ins grüne Feld hinaus!
    Der Frühling hat sich eingestellt,
    Wer bliebe da zu Haus?

  • #9603

    Jorti
    Teilnehmer

    Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
    durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
    Im Tale grünet Hoffnungsglück.
    Der alte Winter in seiner Schwäche
    zog sich in rauhe Berge zurück.
    Von dorther sendet er, fliehend, nur
    ohnmächtige Schauer körnigen Eises
    in Streifen über die grünende Flur.
    Aber die Sonne duldet kein Weisses.
    Überall regt sich Bildung und Streben,
    alles will sie mit Farbe beleben.
    Doch an Blumen fehlts im Revier.
    Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

    Kehre dich um, von diesen Höhen
    nach der Stadt zurückzusehen!
    Aus dem hohlen, finstern Tor
    dringt ein buntes Gewimmel hervor.
    Jeder sonnt sich heute so gern.
    Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
    denn sie sind selber auferstanden.
    Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
    aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
    aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
    aus der Strassen quetschender Enge,
    aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
    sind sie alle ans Licht gebracht.

    Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge
    durch die Gärten und Felder zerschlägt,
    wie der Fluss in Breit und Länge
    so manchen lustigen Nachen bewegt,
    und, bis zum Sinken überladen,
    entfernt sich dieser letzte Kahn.
    Selbst von des Berges ferner Pfaden
    blinken uns farbige Kleider an.
    Ich höre schon des Dorfs Getümmel.
    Hier ist des Volkes wahrer Himmel.
    Zufrieden jauchzet gross und klein:
    Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

    – Goethe (Faust)

    Immer noch mein liebstes Frühlings/Ostergedicht!

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