Du traust dich nicht?

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  • #9312

    idgie
    Teilnehmer

    Hier ist ja lange nichts mehr passiert. Zum Themenbereich Politik / Gesellschaft etc. findet man hier echt wenig.

    Deswegen stell ich mal wieder einen Beitrag ein.

    Du traust dich nicht, sagst du.
    Hast Angst, vor dem, was passieren könnte.
    Du schaust lieber weg, willst dich nicht einmischen.
    Was geht es dich auch an?
    Das ist doch nicht DEIN Problem.
    Ne, du traust dich nicht.
    Wer weiß, was einem auch sonst passieren könnte.
    Hört man nicht überall von hatespeech, von Beleidigungen, üblen Anpöbeleien bis hin zum shitstorm mit massenhaft Drohungen und Beschimpfungen übelster Art.
    Nee nee, lass mal – muss ich echt nicht haben.
    Sollen doch andere sich kümmern, sagst Du.
    Ja, welche anderen denn?
    Die Polizei, dein Freund und Helfer, von denen auch schon viel zu viele infiltriert sind und längst auf der falschen Seite stehen oder wen meinst du hier konkret?

    Hast du schon mal von Martin Niemöller gehört?
    Schau mal im www nach, vielleicht wird dir dann einiges klar.
    Hier ist sein eindrucksvollstes Zitat:
    „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“[

    Also, meinst du immer noch, wir müssten nichts tun, das können doch andere machen?
    Hast du immer noch Angst und traust dich nicht?

    Mal ganz ehrlich: Angst hab ich auch. Aber trotzdem trau ich mich.
    Warum? Weil ich muss.
    Weil ich sonst nicht länger in den Spiegel schauen könnte.
    Weil ich nicht irgendwann von den nachfolgenden Generationen gefragt werden möchte, warum ich denn nichts getan hätte, als es noch zu verhindern gewesen wäre.
    Weil wir nicht länger schweigen können, ohne den Anstand zu verlieren.
    Weil wir nicht wieder einfach wegsehen können.
    Weil wir nicht wollen, dass die Geschichte sich wiederholt.
    Weil wir so oft „nie wieder“ gesagt haben, dass wir uns jetzt auch für „nie wieder“ einsetzen müssen.
    Weil sie eben jetzt schon überall wieder hervor kommen und wieder ihre braunen Lügen verbreiten und die Herzen der Menschen mit ihren Parolen vergiften.
    Ja, ich habe Angst, wenn ich auf die Straßen gehe und meine Meinung sage.
    Aber ich will nicht mehr einfach nur zuschauen, wie fast täglich Flüchtlingskinder im Mittelmeer ertrinken und die Welt nimmt es kaum mehr zur Kenntnis.
    Ich will nicht mehr einfach nur zuschauen, wie für unseren Konsum, für Konzerne, für Profite und Öl Menschen in vielen Ländern gnadenlos ausgebeutet werden, wie Bürgerkriege angezettelt werden für Machtgier und strategische Spielchen von größenwahnsinnigen Staatsmännern.
    Ich will nicht mehr einfach nur zuschauen, wenn die ewig Gestrigen überall wieder aus der Deckung kommen, den Leuten das Hirn verdrehen mit ihren falschen Wahrheiten.
    Ich will nicht mehr einfach nur zuschauen, wenn sie sich durch Wahlen demokratisieren lassen, in den Parlamenten sitzen und ihr Menschen verachtendes Gedankengut nicht mehr nur in die Welt hinein posaunen, sondern auch gesetzlich durchsetzen wollen.
    Ich will nicht mehr einfach nur zuschauen, wenn Leute angefeindet werden, weil sie irgendwie anders sind, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion, ein anderes Aussehen, eine andere sexuelle Orientierung haben oder einfach weil sie irgendwem fremd erscheinen.
    Jeder ist irgendwie anders.
    Übrigens sind damals nicht nur Juden gedemütigt, misshandelt und schließlich massenhaft ermordet worden, sondern auch Sinti und Roma, Kriminelle, psychisch Kranke, Behinderte, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten, Homosexuelle und und und…
    Einfach JEDER musste damit rechnen, wegen irgendetwas verpfiffen zu werden.
    Und es ist unglaublich, wegen welcher unvorstellbaren Kleinigkeiten manche Leute hingerichtet wurden.
    DAMALS.

    Und heute?
    Was kann im Gegensatz dazu schon groß passieren?
    Klar, ein shitstorm ist nicht schön. Aber wie hoch ist das Risiko im Vergleich zu früher?
    Welches Risiko tragen heute andere Leute in anderen Ländern, die für ihre Rechte einstehen, sich gegen die Regierung positionieren oder gegen Mißstände protestieren und genau wissen, was ihnen dafür blühen kann.
    Schau dich um in der Welt. Schau, für welche „Vergehen“ Menschen in manchen Ländern in den Kerker kommen – oft sehr lange, ohne vernünftiges Gerichtsverfahren.
    Und so mancher wird für sein Engagement gegen Ungerechtigkeiten bzw. für seine Kritik am geltenden System hingerichtet oder verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
    Und du meinst ernsthaft immer noch, das Risiko hier bei uns ist dir zu hoch und du traust dich nicht?
    Vielleicht denkst du noch mal nach.

    Ich bin jedenfalls bald wieder mit den OMAS GEGEN RECHTS auf der Straße unterwegs, wenn es gilt, für Menschenrechte und Demokratie einzustehen und sich lautstark gegen Rassismus zu wehren.
    Und ob im Alltag, an der Bushaltestelle oder im Supermarkt. Ich misch mich ein, wenn jemand angegriffen wird. Ich sag meine Meinung, wenn wieder mal einer mit Stammtischparolen auftrumpft.

    Damals haben viel zu viele viel zu lange geschwiegen und gedacht, der Spuk geht vorbei.
    Aber nix geht so einfach wieder weg.
    Und irgendwann ist es zu spät, was dagegen zu tun.
    Warte nicht zu lange. Trau dich! Jetzt!
    Mach jetzt mit.

    Wir alle zusammen – wir sind mehr.

    Übrigens: wer noch Argumentationshilfe gibt es u.a. hier:  https://www.politische-bildung.nrw.de/publikationen/titelverzeichnis/print/argumente-gegen-parolen-und-populismus/?no_cache=1&tx_lzpbbasket_pi1%5B%40widget_0%5D%5BcurrentPage%5D=4&cHash=4df123e1c9663d89d86c6aea5dce31e3

     

  • #9319

    Schnuckiputz
    Teilnehmer

    Sehr schöner Text. Und es ist wirklich so, dass alle immer Angst haben und nichts tun oder sagen, dabei ist es so wichtig. Wir vergessen immer, dass wir nicht allein sind mit unserer Meinung oder unserer Angst. Zusammen können wir das bestimmt überwinden und etwas bewegen.

  • #9332

    idgie
    Teilnehmer

    @schnuckiputz

    Danke für dein Feedback.

    „Wir vergessen immer, dass wir nicht allein sind mit unserer Meinung oder unserer Angst. Zusammen können wir das bestimmt überwinden und etwas bewegen.“

    Genau deswegen hab ich mich über deinen Kommentar gefreut.

  • #9657

    Aurum
    Teilnehmer

    Gerade jetzt merkt man, wie viel Zusammenhalt bedeutet und wie Egoismus und Alleingänge unsere Gesellschaft aus dem Gleichgewicht bringen… wir sind nicht allein in der Situation, aber alle fühlen sich allein. Ich denke die Regierung müsste mehr für den Zusammenhalt tun… tut sie aber nicht.

  • #9661

    idgie
    Teilnehmer

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr darüber.
    Manchmal macht es wenig Spaß, hier zu schreiben, weil kaum Resonanz kommt.
    Das hattest du ja auch schon in deinem Beitrag bezüglich offenem Brief an Greta bemerkt.

    Also, ich finde die Regierung ist mit der Situation völlig überfordert.
    Viel zu lange haben sie die Entwicklung verschlafen, sich auf unser „gutes“ Gesundheitssystem verlassen, das jetzt kurz vor dem Kollaps steht.
    Nun folgen zur Kompensation hektische, wenig durchdachte Maßnahmen, die mich teilweise wenig überzeugen.

    Auch die Informationspolitik ist desaströs. Viel Salamitaktik, weil man meint, uns sonst zu überfordern? Abchecken, wieviel an demokratischen, freiheitsrechtlichen Einschränkungen man dem Volk zumuten kann, bevor es revoltiert?

    Das Gute an der aktuellen Situation ist, dass man wieder sieht, wie viel Zusammenhalt bedeutet, wie viel zwischenmenschliche Beziehungen ausmachen, wie sehr man sich durch Empathie und Hilfsbereitschaft unterstützen kann.
    Was momentan an kreativen Ideen, Nachbarschaftshilfen etc. läuft ist phänomenal und macht Hoffnung.

    Ich versuche in meinem täglichen Gutmensch-Kalender auch für positive Motivation zu sorgen.
    https://www.facebook.com/idgie.threadgood.524

    Vielleicht nehmen wir die Krise zum Anlass, unser Verhalten auf den Prüfstand zu stellen und Gewohnheiten zu ändern.
    Vielleicht hallt ja so manches davon noch nach, so dass wir in der Nach-Corona-Zeit auch einen gesellschaftlichen Neustart hinkriegen.

    Viele nutzen den shutdown ja auch zur Besinnung auf das, was wirklich wichtig ist, was uns wirklich glücklich macht. Entschleunigen tut vielen von uns gut.
    Das sollten wir in die neue Zeit danach hinüber retten.

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