Die Mutter aller Probleme

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  • #4088

    idgie
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    Die Mutter aller Probleme ist nicht die Migration
    Die Mutter aller Probleme ist die neue Diskussionskultur
    Die Mutter aller Probleme sind Diffamierung und Ausgrenzung
    Die Mutter aller Probleme ist die mangelnde Bereitschaft zur Tolerenz

    Demokratie lebt von der Freiheit – auch der Meinungsfreiheit. Zur Demokratie gehört die Vielfalt von Ansichten, gehören die Diskussion, aber auch der Konsens, der Kompromiss und die Einigung.

    Jeder darf nach seiner Facon selig werden.

    Unser Grundgesetz sagt dazu:
    „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

    Bekannt ist auch das Zitat: „Die Freiheit eines Menschen endet dort, wo die Freiheit eines anderen Menschen beginnt“.
    Gemäß Rosa Luxemburg ist Freiheit auch immer die Freiheit der Andersdenkenden.

    Zugegeben, das ist sicherlich nicht immer einfach.
    Sicherlich gibt es Menschen, die in ihren Meinungen extrem verbohrt sind, deren Rhetorik so dermaßen unterirdisch ist, dass man sich nicht auf eine Diskussion einlassen möchte.
    Vielleicht ist es bei den Unbelehrbaren auch wirklich zwecklos.

    Man muss sich nicht in jedem Forum auf endlose battles einlassen, wenn von vorne herein absehbar ist, dass das virtuelle Gegenüber nur seine Meinung herausposaunen will.

    Diskussion  oder gar konstruktive Zusammenarbeit ist schwierig bis unmöglich, wenn Jemand nur Konfrontation will.

    Ist nicht die Sprache längst zum Kampfmittel geworden als Waffe zur Provokation?
    Wenn die Politiker zu wenig streiten, sich zu sehr einig sind, entsteht der Eindruck, dass gemauschelt wird, dann wird ihnen schnell Schmusekurs und Stillstand vorgeworfen.
    Der Wähler ist unzufrieden.

    Streiten sich die Parteien wochenlang erbittert um Details erscheint es oft wie Korinthenkackerei, wie sinnloses Hickhack und Machtspielchen.
    Auch dann ist der Wähler unzufrieden.

    Aber sind die Wähler nicht in erster Linie damit unzufrieden, dass die Politiker um sich selbst kreisen, sich als Selbstdarsteller geben und um Macht und Posten schachern?

    Ob sie die wirklichen Probleme ihres Stimmvolkes wahrnehmen darf manchmal bezweifelt werden. Es geht halt darum, zugkräftige Themen in den Mittelpunkt zu stellen.
    Aber wichtig wären eigentlich die entsprechenden Lösungsmöglichkeiten.

    Oft sind die Politiker nicht wählerisch in der Wahl der Mittel und kämpfen mit allen Bandagen.
    Die Debatten werden schärfer und der Ton immer aggressiver.

    Wenn der Druck zu groß wird, wird gehandelt, das stimmt schon. Aber manchmal gerät das dann zum blinden Aktionismus und ist wenig hilfreich bis kontraproduktiv.

    Von rechts außen wird ein Horror-Szenario heraufbeschwört. Da spricht man von  „Überfremdung, Asyl-Orkan oder menschlicher Überflutung“ und die Menge fordert: “Absaufen lassen“.

    Andererseits wird beschönigt und von Ankerzentren und Rückführung gesprochen.

    Begriffe wie „Antiabschiebeindustrie“ und „Gefährder“ werden achtlos in die Diskussion geworfen und auch der Begriff „Biodeutscher“ scheint sich etabliert zu haben. Übelkeit verursachen mir auch Begriffe wie Integrationsverweigerer oder Passdeutsche.

    Wir sind die Guten und wer nicht für uns ist, ist gegen uns? Wir gegen den Rest der Welt? Wo bleibt der Dialog?

    Kein geringerer als der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Andreas Voßkuhle rügte schon vor einiger Zeit die inakzeptable Rhetorik, worauf prompt die Antwort kam, man brauche keine Sprachpolizei.
    Vielleicht braucht man sie doch?

    Auch der Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier beklagt im Sommer 2018 die Schärfe der Streitereien und zeigte sich zutiefst besorgt. Er forderte: man müsse zu einer Sprache zurückfinden, die es erlaube, Kompromisse zu schließen.

    Aber will man überhaupt Kompromisse oder will man nur die Öffentlichkeit in seinem Sinne beeinflussen, mit allen Mitteln? Wollen nicht manche ewig Gestrigen bewusst die Konfrontation und sind an Kompromissen wenig interessiert? Versucht man da nicht die Spaltung, putscht Kontroversen unerbittlich hoch?

    Falls man angegriffen wird oder wirklich mal in eine Diskussion gerät helfen Nebelkerzen und Ablenkungsmanöver nach Marke „wag the dog“ (immer noch einer meiner Lieblingsfilme). Wenn der Hund nicht mit dem Schwanz wedelt, wedelt eben der Schwanz mit dem Hund.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Wag_the_Dog_%E2%80%93_Wenn_der_Schwanz_mit_dem_Hund_wedelt

    Genau so beliebt ist es, einen Sündenbock zu finden, auf den alle Unzufriedenheit projiziert werden kann.  Das demonstriert die AfD am Beispiel der Flüchtlingspolitik seit Monaten.

    Ob die Rechten wissen, dass der Begriff Sündenbock eigentlich aus dem Judentum kommt, weil am Jom Kippur – dem Versöhnungstag –  ein Ziegenbock symbolisch mit allen Verfehlungen beladen und dann in die Wüste geschickt wurde?

    Zugegeben – Teile der Bevölkerung sind wirklich unzufrieden, fühlen sich unverstanden und abgehängt. Allerdings brennen ihnen eigentlich ganz andere Themen auf den Nägeln. Da geht es eher um Wohnraum, Pflege, Kitaplätze, Schulen, soziale Gerechtigkeit, Klima, öffentlicher Nahverkehr etc.

    Das „Problem“ Flüchtlinge ist jedenfalls in der Öffentlichkeit viel präsenter als es in den Köpfen der Bürger.

    Da werden mit Hilfe der Medien und cleveren Marketing-Strategien, mit fake Profilen und Massenposts Kontroversen künstlich hochgeputscht und ein Volkszorn demonstriert, den es so eigentlich gar nicht gibt.

    Und wer sich sprachlich richtig austoben will, findet Gelegenheiten satt in den oft a-sozialen Netzwerken…Da darf scheinbar jeder pöbeln, verunglimpfen und diffamieren, wie es ihm beliebt…
    Und es stimmt einfach nicht, dass fake news wahr werden, wenn man sie nur oft genug wiederholt und populistisch dargestellt werden.

    Jede Seite lebt in ihrem eigenen Mikrokosmos und in ihrer eigenen Informationsblase, abgeschottet vom Rest der Welt und der Einzelne nimmt nur seine eigene Wahrheit zur Kenntnis.

    Fakt ist: es gibt unterschiedliche Wahrheiten, genauso wie unterschiedliche Wahrnehmungen.

    Ich würde mir wünschen, dass man die Wahrnehmung Andersdenkender zunächst mal einfach ernst nehmen kann, auch wenn man selbst das vielleicht völlig konträr empfindet.

    Sehr bemerkenswert fand ich daher die Aktion „Deutschland spricht“. https://www.zeit.de/serie/deutschland-spricht

    Immerhin 4300 Gesprächspaare mit kontroversen Ansichten haben sich da zum Gespräch zusammengesetzt und versucht,  die Empörung über die Missstände und das Ohnmachtsgefühl über die jeweiligen Ärgernisse zu überwinden und im Dialog zusammenzufinden. Welch tolle Idee!

    Wir brauchen „Herz statt Hetze“, wir brauchen bunte Vielfalt statt „Schuldkultur“.
    Zurück zum Pluralismus statt Abschottung und Nationalismus.

    Vielleicht muss man auch offen sein für neue Wege.
    Nur, wer vom Weg abweicht, wird Spuren hinterlassen…

    Vielleicht muss man schon früh anfangen, neue Werte zu definieren.
    Auf Herzensbildung setzen, statt immer wieder die Leistungsgesellschaft propagieren, die schon unsere Kinder krank macht. Ist nicht soziale Kompetenz wichtiger als der Pythagoras?

    Andererseits – nervig und manchmal hinderlich ist auch der vielleicht verständlich Wunsch nach political correctness, der zu immer neuen abstrusen Wortschöpfungen führt, weil – sobald ein Begriff anfängt negativ besetzt zu wirken flugs einen neuer geschaffen werden muss.

    Dabei geht es doch eigentlich darum, das negative Empfinden zu verändern. Der Begriff an sich ist doch eigentlich zweitrangig, oder?

    Ist es nicht egal, ob ich Gastarbeiter, Ausländer, Geflüchteter oder Bürger mit Migrantenhintergrund sage? Ob Negerkuss oder Eiweißschaum mit Schokoladenüberzug….

    Wichtig ist doch, ob ich es abwertend meine oder nicht und was ich im Kontext gerade dazu sagen will, oder??

    Wo ist die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen? Wer ist noch bereit, wirklich zuzuhören? Andere Meinungen erst mal zu akzeptieren.

    Vielleicht kann man sich auch erst mal dafür interessieren, wie das jeweilige Gegenüber zu dieser Meinung gekommen ist. Worauf sie sich begründet. Vielleicht schafft man es ja auch mal, die Perspektive zu wechseln, sich in das Gegenüber hinein zu versetzen und kann Verständnis für dessen Ansichten entwickeln.

    Stichwort: Wer sich nicht bewegt bewegt nichts.

    Unsere Freiheit ist das Grundgesetz. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
    Keine Einschränkungen. Nicht „die Würde des deutschen Menschen“, nicht „die Würde des christlichen Menschen“ nein – die Würde JEDES Menschen ist unantastbar.

    Die Regeln für unser Zusammenleben sind im Grundgesetz definiert. Es kann sicher nicht schaden, sich darauf zu besinnen.

    Das ist sicher zielführender als Thekenpolitik mit Stammtisch-Parolen wie:
    ich mein ja bloss
    das wird man ja wohl noch sagen dürfen….

     

  • #4091

    sigrebe
    Teilnehmer

    Liebe idgie! Gerne möchte ich mich deinen Gedanken anschließen.
    Zum Thema „Menschenwürde“ habe ich erst kürzlich Überlegungen angestellt und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass für mich persönlich die Begriffe Würde und Menschlichkeit sehr eng miteinander verbunden sind.
    Mein Statement dazu habe ich auf die mir eigene Art wieder in Reime gefasst.

     

     

     

  • #4093

    idgie
    Teilnehmer

    @sigrebe: sehr schön, Danke für’s teilen…

  • #4096

    sigrebe
    Teilnehmer

    Zum Thema Solidarität und Toleranz habe ich vor einigen Wochen auch schon einmal Stellung bezogen, es ging dabei um eine spezielle Kampagne für die Demokratie (gegen RECHTS). Ergänzend zu idgie’s Beitrag möchte ich an dieser Stelle noch einmal darauf Bezug nehmen:

    SOLIDARISCH LEBEN STATT VOLL DANEBEN

  • #4103

    Denkenderbuerger
    Teilnehmer

    Wenn die Migration in geordneten und geregelten Bahnen abgelaufen wäre, wäre sie nicht das Problem.
    Man kann aber nicht Leute aus einem fremden Kulturkreis und einem fremden Zivilistationskreis, dazu noch mit einer anderen Sprache, einer anderen Religion und einer anderen Prägung massenhaft in Land holen und dann von ihnen verlangen, daß sie von heute auf morgen so sind wie wir – und umgekehrt vom eigenen Volk verlangen, daß es dies vorbehaltslos hinnimmt.
    Migration und Integration sind ein Prozeß, der nicht von heute auf morgen geht, sondern seine Zeit braucht.
    Und dann vergißt man dabei gern einen alten Grundsatz:
    Bevor man sich zusammen schließt, sollte man sich erst einmal klar voneinander abgrenzen!
    So, wie man die Migration und Integration derzeit praktiziert, ist das nichts anderes als eine ethisch-moralische Vergewaltigung – und zwar auf beiden Seiten.
    Genau dort liegt aber die Wurzel des Konflikts – und wenn man nicht aufpaßt die Wurzel des Verderbens.

  • #4104

    Denkenderbuerger
    Teilnehmer

    Oder anders gesagt:
    Da ist – mal wieder (!!!) – eine Sache in blindem Aktionismus, Lobbyismus und Populismus gescheitert.

  • #6776

    tire
    Teilnehmer

    Gut, um den langen Eingangsbeitrag mal für mich zu sortieren und zu kommentieren / diskutieren:

    1. es gibt zwei und mehr Formen der Politik
    a.) die offizielle Parteipolitik, gebunden an Programme, Absprachen, Beschlüsse, Listenplätze, innerparteiliche Läger usw.

    b.) die tagtägliche auf der Straße. Allein unser Zusammenleben basiert auf einem (rationalen modernen) Grundkonsens: „ich vertraue dir, dass Du mir nichts Schlechtes tust, Du kannst mir vertrauen, daß ich nicht die Keule heraushole“ – ist eine lange konditionierte Verhaltensform, keine Selbstverständlichkeit.

    c.) die ständige im persönlichen sozialen Umfeld: Eltern mit Kindern, Partner miteinander in der Partnerrolle etc. Kurz: „Schutz und Geborgenheit innerhalb einer funktionierenden Familie“; genauso wie in einer streitigen Familie, die nach gewisser Konfliktzeit wieder resettet und zur Normalität zurückkehrt.

    d.) die ständige im Verein. Auch dort geht es um (gemeinsame) Interessen, Ziele und Wege der Durchsetzung sowie Zeiten, Erfolge und Gemeinsamkeiten zu feiern.

    Die drei letztgenannten Politikformen basieren auf einem stabilen Umfeld, Ausgewogenheit und Interessenausgleich. Eigentlich bräuchte man schon fast keine Offizialpolitik mehr, um zu überleben  – oder ?
    Nur wer sollte hier wessen Interessen vertreten ? Was Familie Müller aus Lüchow umtreibt, ist für Familie Meier aus Dachau schon wieder irrelevant, weil man in Dachau ganz andere Probleme hat. Daraus zieht die Offizialpolitik ihre Daseinsberechigung, „für alle“ (fast unmöglich) Politik „zu machen“.

    2. es gibt keine Eintrittsschwelle für Politiker
    eine gute Empathie, ein gutes Mundwerk, rasche Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtnis, Durchsetzungsvermögen (Argumentation, Überzeugung, Gespür) ein bißchen hier und ein bißchen da … reichen.
    Darum ist Politik auch für jeden erreichbar.

    Neu ist lediglich, daß die Offizialpolitik durch sog. Soziale Medien vollkommen überholt wurde. Jede/r, der ein bißchen schreiben und die o.g. Werkzeuge einsetzen kann, erreicht in Sekundenschnelle seine/ihre Klientel. Es braucht nicht einmal mehr ein Gesicht dafür, daß man in Parteien auf der Ochsentour auf jeder Veranstaltung herumzeigen muß(te).

    Dank der Zeilenbegrenzung werden Argumente zu Schlagworten und auch nicht mehr sinnvoll begründet – passt ja nicht mehr ins Kommentarfeld. Fehlt die Begründung stellt der/die Leser/in auf „emotional“ um und der Krieg ist geboren.

    3. sprachliche Manipulation.
    Richtig, auch wegen der technischen Zeilenbegrenzung werden keine Begründungen mehr geliefert, darunter leidet die Diskussionskultur. Um aber doch noch einen Stich zu landen verfallen immer mehr Menschen dazu, sprachlich zu manipulieren. Entweder über das Einstreuen bestimmter Stichworte (Erkennungszeichen ihres „Lagers“) oder durch gekünstelte moralische Erregung „über die Form“ eines Beitrags. Wir reden also dann nicht mehr über Inhalte, sondern sehen, wie Menschen versuchen, andere zu gängeln über künstliche kulturelle Anwürfe und hervorgezauberte Hilfskonstrukte. Ziel ist dann, den Diskutanten zu stoppen (kaltzustellen) und die Inhalte schnellstens unter den Tisch fallen zu lassen.

    Dafür sind leider sehr Viele empfänglicher, als ihre Antennen aufzustellen und die Manipulation anzuzweifeln. Sprachliche Manipulation wird eingesetzt zur Polarisierung und weil es die einfachste Art ist, den Gegenüber mit dann noch aufgesetzten Schlagworten zu diskreditieren.

    4. > Zugegeben – Teile der Bevölkerung sind wirklich unzufrieden, fühlen sich unverstanden und abgehängt.

    Schaun wir mal. In unserer Cyberwelt gibt es kaum noch Jemanden ohne Positionen zu allem und jedem. Interessanterweise machst Du in Deinem Katalog an Unzufriedenheit Themen auf, die in ihrer Komplexität so auch nicht lösbar sind. Darin steckt der Schlüssel (in der Form). Im besten Fall werden diese Punkte vielleicht andiskutiert – um sich auszutauschen, nicht um schrittweise eine Lösung zu erhalten. Dafür reicht das Durchhaltevermögen – nachvollziehbar – nicht aus. Denn jedes dieser von Dir genannten genannten Schlagworte würde tatsächlich Wochen dauern, um die Thematik dahinter aufzudröseln und nach Prioritäten zu ordnen.

    5. > Die Mutter aller Probleme ist die neue Diskussionskultur
    Ja und nein. Es ist
    a.) der Ort der Diskussion – nicht face to face, sondern anonym. Es fehlen die Effekte, die ein echtes Gespräch hat und die Dynamik einer echten Gruppe.
    b.) die technischen Rahmenbedingungen (Zeilenbegrenzung, Unübersichtlichkeit von Foren, Gruppen etc. – wo bin ich tatsächlich richtig ? Außerdem kann ich nirgendwo mal zeigen, das mein Plan auf einen Bierdeckel passt = Begrenzung auf Text ohne visuelle Effekte; zudem lesen viele Menschen auch nicht gern längere Texte, darum ist auch wohl schon die Bibel in kleine Abschnitte unterteilt)
    c.) die Anonymität
    „hier stehe ich, meine Meinung hat ein Gesicht und eine Stimme“ – entfällt.

    6. > Politiker nicht wählerisch in der Wahl der Mittel und kämpfen mit allen Bandagen.
    Nun, zurück in die Zeit von Strauß, Brandt, Schmidt, Dregger, Wehner, Geisler oder neuer: Regine Hildebrand, Joschka Fischer, Gerd Schröder, Möllemann …

    die haben oder hatten alle ihr eigenes Lied = sie stehen für eine Politik, die sie auch persönlich verantworten / verantwortet haben. Um Schmidt zu zitieren: das politische Personal hat heute nicht unbedingt politische Persönlichkeit.

    Das fällt den Leuten natürlich auf. Politik wird mit Persönlichkeit gemacht. Wo Inhalte der Form weichen, ist der Rest eigentlich vertane Zeit.

  • #6777

    tire
    Teilnehmer

    > So, wie man die Migration und Integration derzeit praktiziert, ist das nichts
    > anderes als eine ethisch-moralische Vergewaltigung – und zwar auf beiden Seiten.

    Na, Du hörst Dich ja an wie die Leute mit der Flüchtlings-Fremdbelegung in den 1950-er Jahren. Zelten sie bei Dir im Vorgarten oder leben sie bei Dir unter dem Dach ? Nimm mal die Fahrt raus und laß Dich mal auf das Folgende ein, bitte.

    1. 30 Jahre zurück
    Da warst Du noch „Ossie“ und ich „Wessie“. In der DDR brodelt es. Aus Westperspektive haben wir das durchaus mitbekommen aber nicht gerade die Feldbetten klar gemacht. 1982 und 1984 war ich jeweils eine Woche in der DDR (Schwerin, Wismar, Rostock, Ostberlin) über die Schule zum normalen Schulprogramm (Vortrag der SED-Bezirksleitung vor Ort, Besuch eines  Jugendclubs der FDJ, Museumsbesuche, Theaterbesuch, individuelle Orte nach Thema der Gruppen in der Klasse). Ich habe daraus bis heute noch intensive Eindrücke und Erfahrungen. ZB der Jugendclub fiel aus, weil die Jugendlichen meinten, sie seien keine Zootiere, was sie uns auf unfreundliche Art nachdrücklich kommunizierten, während sie uns schon im Entree rauswarfen. Unsere Reiseleiter wurden nach der Fahrt für Westgruppen gesperrt, weil sie sich zu intensiv um uns gekümmert hätten (haben sich wirklich die Beine ausgerissen, um alles Mögliche möglich zu machen). Und zum Schluß wurden wir von einem älteren Herrn per Zug von Rostock bis Marienborn begleitet, mit einem seltsamen Rosenstrauß, gefüllt mit einem Funkgerät. Dazwischen jeden Tag 3 bis 4 Personenkontrollen, dummen Sprüchen und Provokationen.

    Trotzdem, ich habe darauf geachtet, wie die Menschen lebten, wie sie miteinander umgingen, lachten, tuschelten oder ganz offen Gespräche möglich waren (Ostberlin; in Schwerin hatte ich den Eindruck, die haben die Sprache verloren). Dann die Buchläden, ein Quell der Freude. Die Cafes trist und mit Platzierungszwang – nicht mein Fall, aber nun.

    9.11.1989, hatte Spätdienst, komme um 22:30 h von der Arbeit, gehe noch in die Kneipe und falle um 24h vom Glauben ab, als die ersten beiden Trabbis mit DDR Kennzeichen auf der Straße parken. Die Nachricht war seit 20 h natürlich bereits rum, aber jetzt folgte die Realität. Am nächsten Morgen parkten die Trabbis bereits in zweiter Reihe entlang unserer Hauptstraße und gut war.

    Im Leben ist bis mir bis heute nicht der Gedanke gekommen, Du seiest migriert und ich müßte Dich integrieren – worin auch ?  Wir hätten damals vielleicht mehrere Biere zusammen getrunken, uns zu unseren „Systemen“ unterhalten, Erinnerungen ausgetauscht und hätten doch keine andere Chance gehabt, als auf Morgen zu vertrauen. So läuft das doch eigentlich ab – oder ?

    > Migration und Integration sind ein Prozeß
    nein, das sind zwei Prozesse. Migration ist die rein physische Anwesenheit, also, wenn wir beide in der Kneipe zusammen unser Bier trinken und Du beschließt, hier zu bleiben.

    Integration sind viele Teilprozesse: Wohnung finden, Job finden, Freunde finden, sich sortieren: Behördengänge, Konto eröffnen, soziales Umfeld aufbauen, Umgebung und Eigenheiten kennen lernen etc.

    > Im Leben ist bis mir bis heute nicht der Gedanke gekommen,
    > Du seiest migriert und ich müßte Dich integrieren …
    Und jetzt etwas was vielleicht richtig weh tut. Du kennst die Stimmung von damals noch ? Nicht nur Aufbruch, auch die Vorwürfe an die Botschaftsflüchtlinge, die seien nur arbeitsscheu, hätten sowieso (finanzielle oder sonstige) Probleme, seien nicht integrierbar, deshalb würden sie rübermachen. Das seien gar keine echten DDR – Bürger. Nur welche, die die gesellschaftlichen Vorteile ausgenutzt hätten, Schmarotzer halt.

    Andere Seite – Westberlin und Lager Friedland/Göttingen:
    Die Anwohner wehren sich lautstark gegen eilige Umrüstungen von Turnhallen und Reaktivierung von leerstehenden Gebäuden in der Nachbarschaft, um DDR – Bürger aufzunehmen. Die kämen doch aus einer ganz anderen Kultur und würden diese ganzen Probleme mitbringen: Alkohol, sozialistischen Schlendrian und dabei könnten die noch nicht mal richtig Deutsch (Sächsisch) !  Vor allen Dingen seien da ja sehr viele / fast nur Männer, da traue man sich gar nicht mehr auf die Straße …. – Dazu gibt es noch TV-Mitschnitte aus dem Westfernsehen auf Youtube.

    So alt und dumm unüberlegt diese Phrasen sind, sie bleiben erhalten.
    Per Gesetz hatten DDR-Bürger Anspruch auf die BRD-Bürgerschaft, einen Paß und Unterstützungsleistungen ggfs. noch Entschädigungsleistungen aus dem Flüchtlingsfonds der Vertriebenen. Die mußten kein Asyl beantragen, weil alles geregelt war. Ich unterstelle nicht einmal den Status des Wirtschaftsflüchtlings und baue keine vagen Statistiken auf.

    Per Menschenrechtskonvention von 1948 hat jeder Mensch aus historischen Gründen des Erlebens des Faschismus, ein unabänderliches Recht auf Menschenwürde, Freiheit und Asyl, wenn beides Vorgenannte nicht erreichbar ist. Als Asylgrund sind wenigstens zu akzeptieren: Religion, Abstammung, Politik. Ich würde sogar noch erweitern: Geschlecht (Zwangssterilisation und Verstümmelung von Frauen, Ermordung von Mädchen), Euthanasie  (Ermordung von Behinderten) und Anwendung der Sharia (Steinigung; das sehe ich nicht als Religion).

    > Wenn die Migration in geordneten und geregelten Bahnen abgelaufen wäre,
    > wäre sie nicht das Problem.
    Anders herum wird ein Schuh draus. Wir wissen seit 30 Jahren um diese Situation: Der nächste Krieg gehe um Wasser und damit Lebensgrundlagen.
    Also sei nicht überrascht.

    Migration geht auf der Flucht wie sie halt geht. Irgendwo starten, irgendwo ankommen – Hauptsache weg. Registrieren lassen, Bettzuweisung, Behörden, Deutschkurs, Verfahren abwarten und zusehen, wie es weiter geht.

    Die dann folgende Integration kann doch nicht kürzer sein, als bei uns.
    Schau mal, als Du kleiner Junge warst, hat man Dir doch auch gesagt, Du müsstest erstmal erwachsen werden. Und das dauert. Du durchläufst diverse Stufen: elterliche Erziehung, KiTa, Schule – irgendwo dazwischen kommt die Jugendweihe. Prima! Sie ist das Zeichen, Du bist jetzt erwachsen und hast Dich integriert.

    Das sind aber immerhin schon einmal 14 Jahre. Und was hattest Du jetzt erwartet: drei bis vier Monate für eine nachweislich perfekte Integration ? -)

  • #6778

    Denkenderbuerger
    Teilnehmer

    Gerade die Deutschen müßten da gewarnt sein!
    Die sind 1990 selbst schon mal menschlich vergewaltigt worden:
    Die Ostdeutschen, weil ihnen über Nacht ein bis dahin nur vom „Hörensagen“ bekanntes Systhem übergestülpt wurde. Und die Westdeutschen, weil sie gezwungen wurden, das zu finanzieren. Ich kann den Zorn und die Frustration darüber auf beiden Seiten verstehen.
    Und die Intergration in ein Gesamtdeutschland ist auf beiden Seiten bis heute nicht vollständig vollzogen – die Schlagworte „Besser-Wessi“ und „Jammer-Ossi“ einschließlich aller damit verbundenen Verhaltensweisen und unterstellten Denk-Klischees zeigen das sehr deutlich.

  • #6795

    tire
    Teilnehmer

    > weil …. ein nur vom Hörensagen bekanntes Systhem übergestülpt wurde

    weiß ich nicht, glaube ich in dieser Verkürzung auch nicht.
    Weder Du, noch ich haben am 1. Juli 1990 (Einführung D-Mark in DDR) gekannt oder gewusst, was sich wie entwickeln wird:
    – eine von der DDR-Regierung (Modrow) gegründete „Treuhandanstalt“ hatte es in der BRD noch nie gegeben
    – VEBs u.a. hatte man noch nie und in dieser Größenordnung verscherbelt
    – untergegangene Landstriche kannten wir zwar in etwa nach Werftschließungen und den nachfolgenden Zuliefererpleiten — aber das man ganze Bundesländer zu 20% + X in die Arbeitslosigkeit schickte — war so nicht bekannt.

    Das Thema hat dennoch über zwei Ecken durchaus einen Bezug zum Thread. Je stärker in dieser Zeit (1990 + …. Jahre) die Zusammengehörigkeit betont wurde, um so tiefer wurde der Riss. Zunächst über materielle Dinge (Rückabwicklung und Rückübertragung von Eigentum), dann über soziale und wirtschaftliche Entwicklungen (Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Verarmung) und heute über politische Fehlperspektiven (Lohngefälle Ost-West, mangelnde gesamtdeutsche Sicht).

    „Die Westdeutschen“ haben *persönlich gefühlt* weniger Federn gelassen, keinen Job „wegen Ossis“  verloren, keine Wohnung und auch kein Haus. Ihre Mieten wurden nicht von 65 Mark auf 330 erhöht, ihre betriebliche Kinderbetreuung und Gesundheitsversorgung wurde ihnen auch nicht vor der Nase geschlossen (Die gab es in der BRD entweder nicht oder war nur Wenigen vorbehalten).

    Wenn dadurch die Ecken schon rund gestutzt sind, geht es nur noch um die Sicherung des (eigenen) status quo, um weiter zu kommen, wenn Politik kein Gesamtkonzept hat und nicht darauf achtet, das alle sicher an Bord bleiben.

    Da kann ich eine natürliche Skepsis gegenüber Offizialpolitik nachvollziehen. Nicht aber ein Einreissen einer abwertenden und aggressiven Diskussionskultur um jeden Preis.

  • #6835

    Denkenderbuerger
    Teilnehmer

    Genau das ist eben der Kardinals-Fehler:
    Dem Volk wird irgend was übergestülpt, ohne das es darauf ausreichend vorbereitet wird und vor allem, indem man mögliche Negativ-Folgen verschweigt oder gar negiert.
    Und wer auf mögliche Negativ-Folgen hinweist und davor warnt, bekommt entweder einen Maulkorb verpaßt, wird als Bremklotz der Geschichte hingestellt oder er bekommt den Idioten-Stempel aufgedrückt.
    Blindwütiger Aktionismus statt Verstand und Überlegung!
    Aber wehe,  die Negativ-Folgen sind dann erst mal eingetreten und die Skeptiker und Warner haben Recht behalten! Dann ist der Teufel los, das Geheule groß und keiner will Schuld daran haben.
    Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben:
    Das war schon 1990 mit der Währungsunion und der Deutschen Einheit so, das war um 2000 mit der Europäisierung und der Euro-Einführung so, das war bei der Zuwanderung so und es würde mich wundern, wenn das jetzt bei der Energiewende nicht genauso wird.
    Schade drum – man hätte mit etwas mehr Verstand und Überlegung statt blindwütigem Aktionismus so viel draus machen können …

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