Die DIY Lüge

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  • #2678

    gradwanderer
    Teilnehmer

    Vor 2 Jahren habe ich mit dem Versuch begonnen in meiner Kleiderherstellung autonom zu werden. Ich wollte aus möglichst guten Materialien meine eigene Kleidung herstellen (vor allem Stricken).

     

    Nun mein trauriges Resume:

     

    Es ist wahnsinnig viel MÜLL angefallen. Ich habe viel Zeit gebraucht um das Stricken und Nähen zu erlernen, mich mit verschiedenen Materialien: Filzwolle, Sockenwolle, Stoffe etc vertraut zu machen. Es gab Fehlschläge, viel war schlichtweg untragbar ich musste es ENTSORGEN. Dann musste ich wahnsinnig viele Dinge ANSCHAFFEN eine Maschine, Nadeln etc.

    UND JETZT: Alles liegt in der Ecke. verschiedene Wollen (teils fragwürdiger Qualität, ich konnte leider keine gute BioWolle finden), Stoffe etc. weil ich untalentiert bin.

     

    Ich schäme mich und frage mich: Wie hätte ich es besser machen sollen?

  • #2679

    WernerMax
    Teilnehmer

    Du schämst dich? Wofür denn?

    Mensch, Du hast etwas probiert, etwas gelernt. Das verdient doch Respekt!

    Besser machen?

    Hör auf, dich zu schämen, und gestehe dir das Recht zu, nicht perfekt zu sein. Jeder hat seine speziellen Stärken und Schwächen. Konzentriere dich auf deine Stärken.

  • #2688

    udo.pia
    Teilnehmer

    Hey Ich sehe das genau wie WernerMax, du musst dich hier für gar nichts schämen. Der Lernprozess war wichtig.

    Dadurch, dass du gemerkt hast wie erschwerlich die Herstellung von Kleidung ist und mit wie vielen Materialien sie verbunden ist, ist deine Wertschätzung für das Produkt enorm gestiegen!

    Die Materialien kannst du gerne Spenden. Eine tolle Initiative sind beispielsweise offene Werkstätten. Dort werden Materialien wie Stricknadeln, Filzwolle, Strockenwolle, Maschinen gerne angenommen.

    In Zukunft kannst du dich ja in einer solchen Werkstätte beteiligen! Dort werden Maschinen kollektiv genutzt und Sachverständige helfen dir bei der Umsetzung. Außerdem lernt man dort nette Leute kennen die die gleichen Werte teilen.

    Und falls du noch nach der passenden Bio Wolle suchst: https://www.sockenwolleparadies.de/ versuch da mal Atelier Zitron, mit dieser Wolle bin ich sehr zufrieden

  • #2690

    Kann es sein, dass Du Dir ein bisschen viel auf einmal vorgenommen hast?
    Probiere es doch erst einmal in kleineren Schritten.

    Völlige Kleider-Autarkie finde ich schon ein sehr hehres Ziel – es sind nicht umsonst echte Ausbildungsberufe, wie etwa das Schneiderhandwerk. Bei sowas würde ich tatsächlich erst einen Kurs belegen – und es mit leichteren Sachen probieren.

    Das Problem mit der Wolle verstehe ich nicht so ganz. Wenn es nix geworden ist, kann man das doch wieder aufribbeln, aufrollen und dann weiter verwenden?!
    Auch für Stoffreste/-verschnitte gibt es ziemlich gute Upcycling-Ideen, zu finden etwa im Internet. Im Zweifelsfall: Kindergärten freuen sich immer sehr über Bastelmaterial.

    Und sich von jemandem mit mehr Erfahrung helfen zu lassen bei solchen Projekten, ist völlig ok und erlaubt. Nicht verzagen!

  • #3492

    Frau Kelu
    Teilnehmer

    Ich mache vieles selbst, lerne und übe schon sehr lange. Es hilft, erstmal eine Sache zu starten, sich damit zu beschäftigen und am besten, jemand zu finden, der einem bei Schwierigkeiten hilft (derjenige leiht sicher auch Stricknadeln aus). Bücher zu den Themen gibt meistens in den Bücherreien – nicht durch das veraltete Aussehen der Handarbeitsbücher abschrecken lassen, wie man strickt verändert sich nicht.
    Dann ein Projekt aussuchen – dran bleiben, üben. Wenn das klappt, super – dieses Kleidungsstück ist jetzt immer DIY.

  • #3500

    sigrebe
    Teilnehmer

    Ich bewundere alle Leute, die sich auf dem DIY-Trip befinden. Fehlschläge sollten dabei keinen Grund zur Entmutigung liefern. Es ist ja bekanntlich noch kein Meister vom Himmel gefallen! Und insbesondere bei der Eigenherstellung von Kleidungsstücken dürfte doch gerade auch die Tatsache, ein wahres Unikat zu schaffen, das sonst keiner trägt, den besonderen Reiz ausmachen.

    Wie man selbst aus Müll mit Kreativität und Ambition noch überraschende, schöne, skurrile, interessante oder vielleicht sogar nützliche Dinge zaubern kann, hat uns @litter mit seinen Recycling-Kunstwerken in zahlreichen Beispielen bereits bewiesen. Er schafft es sogar, einem ausgedienten Tennisball noch ein neues Gesicht zu verleihen. Seine Werke hat er auch schon auf Ausstellungen präsentiert und diese zum Teil sogar einzeln hier im Forum Kunst vorgestellt. Auch Anleitungen zum Nachbau einzelner Objekte hat er schon veröffentlicht.

    Recycling-Kunst-Ausstellung Teil 1

    Recycling-Kunst-Ausstellung Teil 2

    Bauanleitung Kronkorkenharley

  • #7912

    Jinx
    Teilnehmer

    ich habe mir sowohl Stricken als auch Nähen beigebracht und kaufte an Kleidung nur noch Schuhe, Unterwäsche, Jeans und Lederjacken.

    Allerdings bin ich nacheinander vorgegangen. Stricken ist ein dickes Brett, Nähen ist noch dicker. Du hast beides gleichzeitig lernen wollen, aber das ist fast schon mehr als eine Vollzeitbeschäftigung, vor allem, weil beides Übung und Zeit braucht, um Erfahrung zu erwerben, die notwendig ist, um befriedigende Ergebnisse zu erzielen. Mir scheint, du hast einfach zu viel in zu kurzer Zeit gewollt. Wenn du dabei bleibst, nimm dir beides nacheinander vor und konzentriere dich auf eine Technik. Erst, wenn du das eine auf einem Level beherrscht, dass du nicht mehr angestrengt und schweißgebadet bei der Herstellung einfacher Teile dasitzt, nimm dir das andere vor.

    Was das Erlernen angeht, hat auch jeder andere Bedürfnisse. Ich bin ziemlich gut darin, mir Dinge anhand von Büchern oder youtube selbst beizubringen. Wer da Probleme hat, ist mit einem Grundlangenkurs besser bedient. Fehler gehören zum Lernprozess, und manchmal funktioniert etwas auch nicht so wie gedacht. Es gibt abgesehen von unzureichenden Fähigkeiten auch schlechte Schnitte, Muster oder Anleitungen. Fehler kommen nicht nur am Anfang vor, aber es wird mit zunehmender Erfahrung besser. Das gilt auch für die richtige Kombination aus Material und Schnitt oder Muster. Nicht jeder Stoff, jedes Strickgarn, eignet sich für jedes Modell oder jeden Schnitt. Hier kann der Fachhandel kompetent weiterhelfen. Wenn es ein gutes Geschäft ist, werden die einem sagen, dass sich ein steif fallendes Modell nicht für Lacegarn oder Flatterstoff eignet (überspitzt ausgedrückt).

    Was die Materialqualität angeht: Ich bin immer wieder begeistert von dem, was es an Strickmaterialien und Stoffen (Meterware) zu kaufen gibt. Es ist qualitativ viel hochwertiger als das, was als Standardware für Fertigkleidung verwendet wird. Es gibt natürlich auch viel Trash, aber eine gründliche Recherche im Internet vor dem Kauf bewahrt vor Fehlkäufen und man findet sehr viele Anbieter hochwertiger Materialien.

    Zu den Kosten: Wenn man feststellt, dass man mit Nähen nicht glücklich wird, kann man die wieder verkaufen. Hat man sich eine gute Nähmaschine gekauft (also kein sehr, sehr günstiges Modell eines No-Name-Herstellers, sondern ein robustes, eher einfaches), ist der Wiederverkaufswert einer wenig gebrauchten Maschine eigentlich gut. Selbst Wolle oder Stoffreste kann man verkaufen, wenn auch bei nicht so toller Qualität zu einem nicht so tollen Preis. Was nicht verkauft werden kann, kann gespendet werden, z. B. als Bastelmaterial für Kindergärten.

    Eins ist klar: Kein Material von vernünftiger Qualität kann mit Preisen von Billig-Kleidungsanbietern mithalten. Dafür halten die Sachen deutlich länger (ich trage selbst T-Shirts jahrelang).

    Fazit: Für mich ist DIY keine Lüge, sondern ein buntes Wunderland voller Verheißung, in dem ich endlich die Kleidung herstellen kann, die meinen Typ zur Geltung bringt, mit Materialien in der Qualität, die ich gerne hätte. Ich habe Sachen, die keiner hat, in den Farben, Längen und Mustern, in denen ich sie will und nicht in denen, die die Modeindustrie bereithält. Die Qualität ist deutlich besser als das, was man in der mittleren Preisklasse kaufen kann (von Fast Fashion gar nicht zu reden).

    ABER: Nicht jedem macht das Spaß, nicht jeder hat eine Affintiät zu Textilien. Da es Handwerk ist, kann jeder es lernen. Weder Nähen noch Stricken sind eine Frage des Talents, sondern der Übung. Dein Start ist missglückt, das ist sehr schade. Wenn du noch einen Versuch wagen willst, kannst du einen Kurs machen (VHS ist nicht teuer, für Einsteiger aber brauchbar). Als ich mit dem Nähen begann, suchte ich ein Stoffgeschäft in der Nähe auf. Es ist nicht groß, aber die Damen dort sind sehr engagiert. Ich wurde hervorragend beraten, sowohl was Stoffe und ihre Verarbeitung, als auch was Materialien angeht. So sparte ich mir Fehlkäufe. Natürlich will und muss ein Geschäft verkaufen, aber in einem guten Geschäft wollen sie nicht nur verkaufen, sondern auch, dass der Kunde zufrieden ist und wiederkommt. Ich weiß, dass ich bei Problemen jederzeit dort hingehen könnte, und mir würde geholfen.

    Eine weitere Möglichkeit wäre, im Bekanntenkreis herumzufragen, ob dort Leute sind, die nähen und/oder stricken können. Die meisten sind hilfsbereit und geben gern Starthilfe.

    Wenn du wegen deines ungünstigen Starts jedoch die Lust verloren hast, mach dich nicht verrückt. Niemand kann alles, und es bringt auch nichts, wenn man sich verrückt macht und sich mit einer Sache quält, die einem einfach keinen Spaß macht. Lass einfach los und schau, ob du mit einem gewissen Abstand noch mal Lust bekommst. Vorher am besten die frustrierenden Material-Fehlkäufe loswerden, denn so etwas nimmt nicht nur Platz weg, sondern belastet auch.

    Ich habe sogar Stricken und Spinnen (mit dem Rad und der Handspindel) unterrichtet. Von daher kann ich sagen, dass jeder gesunde Mensch das lernen kann. Aber er muss nicht. Ich hatte Schülerinnen, die nach der ersten Stunde zur nächsten mit riesigen Strickschals ankamen, die sie aufgrund des bisher Gelernten mit Begeisterung innerhalb einer Woche angefertigt hatte. Und ich hatte Leute, die keinen Spaß an der Sache hatten, aber meinten, aus welchen Gründen auch immer, sie müssten das unbedingt lernen. Das war immer furchtbar holperig, und sie brauchten länger als die anderen, um die jeweilige Aufgabe zu erlernen. Das lag nicht daran, dass sie unbegabt oder dumm waren, sondern nur daran, dass sie eigentlich keine Lust hatten und ihnen das Stricken keinen Spaß machte. Ich fand immer schade, dass sie sich so unter Druck gesetzt haben, denn es geht letztendlich um ein Hobby, wenn auch um ein nützliches, und nicht um eine Lebensnotwendigkeit. Sie haben Stunden damit zugebracht, irgendwas zusammenzuprökeln, wofür Leute mit mehr Enthusiasmus einen Bruchteil der Zeit brauchten – bei deutlich besseren Ergebnisse. Vielleicht wären sie mit Gärtnern, Töpfern, Goldschmieden, Gitarre spielen oder Malen viel glücklicher geworden.

    Es ist legitim, sich auszuprobieren, und das kostet fast immer Geld. Wenn man etwas lernt, besteht keine Verpflichtung, lebenslang dabei zu bleiben, und man sollte sich diese Verpflichtung nicht selbst auferlegen. Vieles kann man heute leicht wieder loswerden, ob via Verkauf oder als Spende/Geschenk. Wenn du die Nase voll hast, verbuch es einfach als Erfahrung. Du weißt dann wenigstens, dass dir der textile Bereich eher nicht liegt.

     

    • #8079

      gruenebine
      Teilnehmer

      @jinx: sehr schöner Beitrag! Selbst Unterwäsche kann man selber herstellen, wenn man etwas geübt ist.

      Es stimmt wohl, dass nicht jeder handwerkliche Fähigkeiten und Vorstellungsvermögen besitzt, die Sachen so herzustellen,wie er sie sich dann perfekt als fertiges Ergebnis wünscht. Und für diejenigen ist der DIY hipe schwierig, weil bei Trends hinzukommt, das sie schnelllebig sind,damit angeblich einfach. Und Nähen braucht viel Erfahrung und Probieren, mehr noch als Stricken.

  • #8091

    Aurum
    Teilnehmer

    Danke Jinx, dass du dir die Zeit genommen hast, dich so ausführlich dazu zu äußern. Da stecken so viele Wahrheiten drin.

    Toll, wer sich selber seine Outfits nähen kann. Ich habe auch eine Bekannte, die ihren kompletten Kleiderschrank in eigener Handarbeit entworfen hat. Ihrer Mutter schenkt sie zum Geburtstag immer selbstgemachte Kleider etc. Davor habe ich selber Respekt. Aber man muss eine Leidenschafgt dafür haben, ansonsten kann es schnell zu Frust werden.

     

    Manche machen vielleicht einen weiten Bogen um Nähmaschinen, lieben es dafür aber lange Texte zu schreiben, andere verwandeln ihre Garten in eine grüne Oase etc. Schau einfach, mit was du dich wohlfühlst. Probier dich ruhig aus, aber sei nicht traurig, wenn da mal ein „Misserfolg“ dabei ist.

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