Der globale Wahnsinn in der Wohnsiedlung

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    idgie
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    Ich hab mal auf „gelangweilte Nachbarin“ gemacht, mir ein bequemes Kissen auf die Fensterbank gelegt und mir angeschaut, was bei uns in der Nachbarschaft so abgeht.
    Übrigens: nur zur Einordnung – ich wohne nicht im Hochhaus-Ghetto Marke Plattenbau mit zig Tausenden von Menschen, aber in einer als gepflegt geltenden gemischten Wohnsiedlung einer mittelgroßen Kleinstadt.

    08:oo die ersten Seniorenpflegedienste rollen an.
    Das sind allein in einem größeren Wohnhaus an der Ecke mit ca. 60 Bewohnern geschätzt 5 verschiedene Dienstleister.
    Sie versuchen, einen guten Job zu machen, sich um die betreuten Senioren zu kümmern, bleiben aber oft nur wenige Minuten bevor sie zur nächsten Adresse hetzen.
    Ich frage mich, wieviel von ihrer Arbeitszeit wirklich für die Betreuung und wieviel für die Autofahrten von einer Adresse zur nächsten drauf gehen. Vermutlich kommt auch noch mal ein nicht zu unterschätzender Zeitaufwand für die Dokumentation dazu. Alles Zeit, die die Senioren gern mehr an Betreuung hätten. Aber da muss es immer schnell gehen und kaum ein Pflegedienstler hat Zeit, für ein paar freundliche Worte, dabei brauchen viele einsame Menschen genau das.
    Kann nicht wie früher so etwas in der Art wie eine Gemeindeschwester für die ganze Straße zuständig sein, die vielleicht noch in der Nähe wohnt und mit dem Fahrrad oder zu Fuß kommt?

    09:oo erste Runde der Zusteller
    Ob Info-Post, Briefträger, Pakete, DHL oder UPS, sie alle geben sich in den nächsten Stunden die Klinke in die Hand.
    Oft kommt auch ein Zustelldienst mehrfach zum gleichen Adressaten.
    Auch hier versuchen die Mitarbeiter einen guten Job zu machen. Aber die Arbeitsbedingungen sind oft katastrophal, die Bezahlung erfolgt zumindest manchmal nach zugestelltem Paket. Wen wundert es, dass mancher Zusteller sich nicht damit aufhalten kann, überall zu klingeln oder bis in die 7. Etage hochzulaufen, weil der Aufzug mal wieder kaputt ist. Also lieber Zettel in den Briefkasten und fertig. Verständlich – aber auch hier gilt: guter Service sieht anders aus.

    10:oo die diversen Garten- und Hausmeister-Service Dienste sind schon im Einsatz.
    Ob Rasenmähen, Beete säubern, Laubbläser oder Schneedienst, sie sorgen lautstark für Ordnung im Viertel.

    11:oo der Reinigungsdienst für das Treppenhaus rückt an. Auch dazu gibt es einige, weil jedes Haus natürlich seine eigene Reinigungskraft haben möchte.

    12:oo Es ist Mittags- und Essenszeit
    Essen auf Rädern kommt vorbei (da gibt es natürlich diverse hier in der Gegend) und dann kommt auch schon der erste Schub der Pizza-Taxis. Davon gibt es hier jede Menge und die bringen nicht nur Pizza. Ob Schnitzel, Sushi, Ente süß-sauer oder Burger mit Fritten, alles kann jederzeit bequem nach Hause bestellt werden, wenn der kleine Hunger kommt.
    Wenn die alle profitabel arbeiten können, kann man sich schon fragen, ob hier überhaupt noch irgendwer selber kocht.
    Also einige kochen offenbar schon – gerade eben werden Koch-Boxen angeliefert.

    14:oo nächste Runde der Paketdienstler, mindestens drei verschiedene

    18:oo nächste Runde der Pflegedienste- die gleichen die auch heute Morgen schon mit dem Riesen-Schlüsselbund unterwegs waren. Auch da will jeder seinen eigenen Service haben. Es kommen also selbst auf eine Etage mit 5 Parteien zwei verschiedene Pflegedienste.

    19:oo die Apotheke stellt die Medikamente zu, die tagsüber nicht vorrätig waren.

    20:oo nächste Runde der Pizza-Taxis

    21:oo Wer abends seinen Partygästen einen besonderen Service bieten will, lässt nicht nur das normale Catering sondern den mobilen Cocktail-Service kommen. Das hat was.

    23:oo speziell Freitags und Samstags ist die Zeit für die Taxidienste, die Leute von Kino, Theater, Kneipe oder Volksfest nach Hause befördern. Auch Privatleute bringen Partypeople heim. Gern wird dann bei offener Fahrzeugtür mit brüllend lauter Musik noch ausgiebig zur Unterhaltung der gesamten Nachbarschaft über den Abend debattiert bevor man sich auf der Straße lautstark voneinander verabschiedet und die Autotüren zugeknallt.

    Zwischendurch über den Tag verteilt kommt noch der Getränkeservice, die Biokiste und der Eismann.
    Die Reinigung liefert die gebügelten Hemden.
    Wer abends seinen Partygästen einen besonderen Service bieten will, lässt den mobilen Cocktail-Service kommen.
    Wenn in der Gegend eingebrochen wurde, kommt der Schlosser und bietet neue Türschlösser etc. an.
    Und nach dem Sturm kommt der Dachdecker und versucht, seine Dienste anzupreisen.
    Zwischendrin erscheinen manchmal die Drückerkolonnen, die Zeitungs-Abos verkaufen wollen, die Feuerwehr, das Rote Kreuz, die Mitglieder werben und Spenden sammeln will oder es stehen die Zeugen vor der Tür.
    Sie alle kommen mit ihren Autos gefahren und verstopfen die Straßen.
    Weil die Parkplätze nicht ausreichen, stehen einige Zusteller auch gern in zweiter Reihe und lassen derweil den Motor laufen „bin ja gleich wieder da“ – als hätte man von Feinstaubbelastung und Klimakrise noch nie was gehört.

    Ich hätte gern mal Zahlen dazu, wie viele Tausend Kilometer Wegstrecke allein hier in meiner Wohnsiedlung allein durch solche Dinge und mangels intelligenter Organisation eher sinn- und zwecklos kreiert werden.
    Gibt es keine anderen / besseren Lösungen?
    Liegt die Ursache nicht ein Stück weit auch in unserem auf Bequemlichkeit orientiertem Lebensstil?
    Wieviel CO2 wird dadurch verursacht? Wieviel Zeit wird da für Hin- und Her-Fahrerei verschwendet, die man sicher sinnvoller nutzen könnte?
    Ich weiß es nicht, vielleicht will ich es auch nicht wissen.
    Aber eines weiß ich – es ist der Wahnsinn.

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