Alles easy? Gedanken zum earth overshoot day

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    idgie
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    Alles easy??

     

    Der Trend zur Bequemlichkeit ist nun wirklich nicht neu.

    Selbst der Urmensch suchte schon nach Möglichkeiten, sich das Leben einfacher zu machen, sich eine schönere Höhle zu suchen, bessere Speere oder Steinkeile zu produzieren. Daran ist ja grundsätzlich nichts Verwerfliches. Sonst wären wichtige und wertvolle Erfindungen wohl auch nie gemacht worden.

    Vermutlich wurde das Rad von Jemandem erfunden, der zu faul war, irgendwelche schweren Dinge weiterhin über größere Strecken zu schleppen.

    Erfindergeist war wohl schon immer da und wird auch immer bleiben. Dabei gibt es durchaus Erfindungen, auf die man gut verzichten könnte.

    Das hat schon Friedrich Dürrenmatt in „Die Physiker“ 1961 sehr gut analysiert.
    Seither hat sich einiges getan.
    Dabei geht es nicht nur um fragwürdige Erfindungen wie Dynamit (immerhin hat uns das die Nobelpreise beschert),  Atomkraft oder DSDS,  Alexa und Privatfernsehen oder die Twitter-Diplomatie des Trumpeltiers.

    Längst sind Waschmaschine und Staubsauer in jedem Haushalt zu finden. Wer zeigen will, dass er es sich leisten kann hat natürlich auch schon einen Roboter, der einem „das Grobe“ abnimmt. Und selbst in der Singlewohnung findet sich oft ein Trockner und eine Spülmaschine. Wer wollte auch noch per Hand waschen, mit dem Besen fegen, das Gemüse von Hand schnippeln oder die Sahne mit dem Schneebesen aufschlagen?

    Wir haben es uns bequem gemacht, wo auch immer es geht.
    Fast jeder ist motorisiert, in den Städten sind Parkplätze knapp, weil 1 Auto allein natürlich nicht ausreicht.
    Mutter’s Fahrzeug trägt Aufschriften wie „Familientaxi“ und dient dazu, die Kinder in die Schule, zum Reitunterricht, auf den Fußballplatz oder zum Ballett zu kutschieren.
    Im Garten wird mit dem Laubbläser hantiert, der Rasen vor dem Reihenhaus wird mit high-tech Mähroboter kurz gehalten.
    Die Heizung wird von unterwegs ferngesteuert, die Jalousie automatisch runtergelassen und um die Gesundheit kümmert sich die smartwatch.
    Alles schön bequem, damit es nicht so viel Arbeit macht.
    Selber kochen ist mega-out, Essen einfach online bestellen ist cool. Allenfalls wird convenient food gekocht.
    Kein Wunder, dass die Bewegung zu kurz kommt und wir immer übergewichtiger werden.

    Wenn es zu schlimm wird,  fährt man mit seinem SUV in die Mucki-Bude und geht auf’s Laufband.
    Und selbst im Fitness Bereich geht der Trend zu möglichst einfach und schnell. Nicht mehr lange schinden und schwitzen. Nur 20 min. Zirkeltraining und alles ist gut.

    Selbst Kohle machen geht heute easy. Wer will schon mühsam arbeiten, um sein Geld zu verdienen. Die neue Bitcoin App garantiert dicke Profite in wenigen Minuten. Dafür muß man nur mal eben einen Finger rühren.
    Geht fast wie von selbst.

    Unternehmerisches Risiko? Investieren, entwickeln und neue Technologien? Warum? Man kann auch einfacher Profite machen.
    Outsourcen in best cost countries, auf shareholder value schielen und nach double digit earnings sabbern..

    Convenient überall.  Auch ganz privat.

    Partnersuche und Dating über App, shoppen online sowieso. Alles möglichst schnell, einfach und günstig.
    Leben auf der Überholspur. Alles ist convenient und ohne große Anstrengung oder Kraftaufwand verfügbar.

    Alles easy also?

    Wo dieser Lebensstil hinführt sieht man u.a. an den zunehmenden psychischen Erkrankungen. Glücklich macht das alles nämlich absolut nicht.

    Wir wollen alles immer und überall und haben letztendlich doch sehr wenig. Denn es geht viel verloren im immer schneller werdenden Kreislauf von Konsum und Reizüberflutung. Nicht nur unsere Lebensenergie und Zufriedenheit schwindet.
    Wo wichtige Inhalte fehlen und allzu viel nur noch oberflächlich daherkommt, sind unsere Ressourcen schnell erschöpft.

    Wir machen uns kaputt.
    Aber das ist es nicht allein. Dieser Lebensstil macht ebenso unsere Erde kaputt. Jedes Jahr sind auch die Ressourcen der Erde früher zu Ende.

    Jedes Jahr kommt der earth overshoot day früher.

    Und wir leben weiter wie bisher. Wir kaufen ungehemmt, wir konsumieren, wir verschwenden, wir schmeißen weg und vermüllen den gesamten Planeten. Längst findet sich Plastikmüll überall, selbst in den entlegensten Gebieten, sei es im Tiefseegraben oder in der Antartis. Der Himalaya ist eine große Mülldeponie, in den Ozeanen gibt es Müllstrudel so groß wie Europa und selbst in unseren Adern fließt nicht nur Blut, sondern es sind auch dort schon Mikroplastik-Partikel dabei.

    Wer die Doku „Tomorrow“ http://www.tomorrow-derfilm.de/gesehen hat, weiß auch von tollen, zukunftsweisenden Ideen zu berichten. Es gibt eine Vielzahl von Erfindungen und Visionen, die Hoffnung machen, wie z.B.
    Selbstversorgungshäuser https://www.deutschlandfunknova.de/nachrichten/nachhaltig-selbstversorger-haus-mitten-in-new-yorkder
    Strom produzierende Fahrradweg oder Technologien zum Reinigen der Ozeane.

    Es gibt deutliche Trends in eine nachhaltigere Richtung. Viele Menschen haben die Zeichen der Zeit verstanden und suchen nach anderen Lebensstilen.
    Minimalismus, Veganismus, Degrowth, Urban Gardening oder Zero Waste,  um mal ein paar Stichworte zu nennen.

    Und es gibt auch solch vielversprechende Ansätze wie Una Vision.http://www.unavision.eu/wiki/display/unavision/UnaVision

    Nicht Alles ist für Jeden machbar. Manches geht dem einzelnen Menschen vielleicht zu weit. Aber einiges lässt sich doch für jeden von uns bewegen.

    Ein wenig mehr Hyggeligkeit = Zufriedenheit, Wohlbefinden und Gemütlichkeit lässt sich eigentlich für jeden realisieren.https://www.bookrix.de/_ebook-idgie-gutmensch-weltverbesserung-to-go/
    Hier gibt es für jeden Tag des Jahres eine einfach umsetzbare Anregung für mehr Wohlbefinden und den achtsamen Umgang mit sich und der Welt.

    Für den schonenderen Umgang mit Ressourcen kann man sich auch ganz einfach an den berühmten „R“ für Nachhaltigkeit orientieren:.

    Das wichtigste „R“ steht für rethink:

    Immer mal kurz innehalten und nachdenken. Getreu dem alten Taucherspruch: „Stop, think, act!“

    Sich fragen: was tu ich hier eigentlich? Tut mir das gut? Muss ich jetzt die Handtasche kaufen, obwohl ich schon 20 zu Hause habe?
    Brauch ich jetzt wirklich das neue Handy, nur weil das alte schon etwas alt ist?
    Viel zu oft sind wir nicht Herr unserer Kaufentscheidungen, sondern haben unbewusst irgendwelche der überall präsenten Werbebotschaften übernommen.
    Auch die anderen nachhaltigen „R“ sind überaus hilfreich, ob

    Refuse (verweigern, z.B. die Strohhalme im Cocktail,)

    Reuse(weiterverwenden, z.B. die Verpackung der Familieneispackung zum Einfrieren verwenden)

    Reduce (z.B. den Fleischverzehr einschränken)

    Repair (den alten Staubsauger nicht wegwerfen, sondern in’s Repair Café bringen)

    Recycle (nicht nur den Müll richtig trennen, auch z.B. aus dem kaputten Schirm einen Einkaufsbeutel für loses Obst und Gemüse nähen).

    Ein wenig mehr davon und weniger von „immer mehr ganz einfach verfügbar haben wollen“.
    Dann können sowohl wir als auch die Welt uns etwas erholen, können Kraft schöpfen und uns Bequemlichkeit sowie ein weiteres „R“ = RELAX gönnen.

     

  • #3712

    sigrebe
    Teilnehmer

    Danke idgie, dass wir an deinen Gedanken teilhaben dürfen.
    In diesem Beitrag bringst du tatsächlich viele Gesichtspunkte zur Sprache, über die ich mir selbst auch schon intensiv Gedanken gemacht habe. Einiges davon habe ich bereits in meiner Lyrik zum Ausdruck gebracht.

    Angesichts mancher Umstände und Missstände, die nach und nach ans Tageslicht kommen, fühle ich mich oftmals so stark betroffen, dass ich denke, die Welt müsste auf der Stelle stillstehen und die gesamte Menschheit innehalten und ab sofort ihr ganzes Leben umkrempeln. Doch leider bleibt diese Vorstellung nur Utopie. Also begnüge ich mich mit Selbstreflexion und Gesellschaftskritik in meinen Statements in der Hoffnung, auf Gleichgesinnte und Mitstreiter zu treffen im Kampf um mehr Umweltbewusstsein.

    Meine beiden Utopia-Beiträge zum deutschen Erdüberlastungstag (2. Mai 2018) findest du hier:

    Immer wenn ich…

    Rescue me (I’m your planet)

    Die Themen Lebensstil, Konsum und Minimalismus habe ich unter anderem in den Songtexten mit den folgenden Titeln aufgegriffen:

    Ein erfülltes Leben (Minimalismus)

    Wach doch endlich auf

    Das Plastik-Müllproblem habe ich auch bereits in mehreren Songtexten zum Thema gemacht und auch über den technischen Fortschritt kann ich buchstäblich ein Lied singen, dieses Thema wurde hier schon mal behandelt:

    Fortschritt um jeden Preis?

    Du siehst also, das Aufgreifen deiner Themen kommt mir sehr entgegen.
    Ich hoffe, dass sich hier noch mehr Leute finden, die sich darüber Gedanken machen und sich eventuell noch dazu äußern.

    Siehe auch:

    Unser Weg nach Utopia (Utopia-Song)

     

    • #6836

      111blauetina111
      Teilnehmer

      @idgie Vielen Dank für deinen Beitrag!! Danke vor allem dafür, dass es noch Menschen gibt, für die nicht nur „meins“, „nach mir die Sinnflut“, und „Platz da, jetzt komme ich“ zählen.

      Gerade in einer Großstadt wie München fühle ich mich immer mehr wie jemand, der hier völlig fehl am Platz ist. MUC war nie meins, schon als Teenager musste ich erfahren, dass gekaufte Markenkleidung mehr wert sind als meine selbst gebatikte Hose samt Shirt. Geld hat hier schon immer einen sehr hochen Stellenwert gehabt und es hat sich leider noch mehr in die falsche Richtung verschoben, die Rücksichtslosigkeit und fahrlässige Arroganz vor allem im Straßenverkehrt ist wahrscheinich nur noch in Berlin zu überbieten.

      Gerade als Radler bist du ständig der Gefahr und den Launen der überwiegenden SUF-Fahrer in ihren BMWs ausgesetzt. Rücksicht und Freundlichkeit kommt hier selten vor. Ich habe mir heute vom Hauptbahnhof (Innenstadt) auf dem Heimweg einiges von dem gedacht, was du geschrieben hast. Und etwas getrübt dann auch noch, hm, der Tag wird kommen an dem es einen Überlebenskampf ums Trinkwasser gibt und um Lebensmittel, die noch essbar und einigermaßen als Lebensmittel eingestuft werden. Von den Schwellenländer rede ich gar nicht sondern von uns hier in D, bzw. in Europa. Wenn die Agrarlobby wie Bayer-Monsanto von der Regierung nicht möglichst heute noch die Rote Karte bekommt und alle Roundups verbietet, dass sieht es auf den Feldern der Welt in der nächsten Zeit düster aus. Nahrungsmittel werden knapp, das Wasser sowieso. Klimawandel ist ja schon seit Jahren angekommen. Und das sind nur die Grundlagen zum Existieren.

      Ebenso wichtig ist das Verhalten der Menschen, die aus Bequemlichkeit keine Mühen mehr über sich bringen, außer manche vielleicht, die sich noch im Job abrackern, bzw. dies als ihre Bereicherung sehen. Aber da auch die Frage, ist Arbeit alles? Was bleibt vom Menschen, wenn er nicht mehr arbeiten kann? Ist er wertlos, unwürdig in dieser Gesellschaft zu existieren, weil er keinen Beitrag für die „Gesellschaft“ leisten kann? Was ist mit dem Wert des Menschen, das was ihn ausmacht – seine inneren Werte – sein Charakter – sein Mitgefühl – seine Liebenswürdigkeit – seine Freude für alles was die Natur uns schenkt, …? Ist das heute in dieser Gesellschaft gar nichts mehr wert? Zählen heutzutage nur noch Prestigegeprotze in jeglicher Form?

      Du kannst innen völlig leer, ausgebrannt, charakterlich verwahrlost sein, deinen Innerstes verstecken und verleugnen, aber Äußerlich glänzen, dann bist du jemand in dieser Gesellschaft und die wenigsten durchschauen dieses aufgesetzte Verhalten. Die Menschheit verdummt immer mehr, lässt sich vom verlogenen Glanz einnebeln und denkst sich immer noch, musst du auch haben, musst da mit ziehen aber dann möglichst auch noch schnell und billig. 🙁

      Geiz ist ja in D immer noch geil! Unglaublich diese Mentalität, da diese ja auch beim Lebensmittel-, Kleidungs- und Elektrokonsum überhaupt nicht ansatzweise halt macht. Um uns bricht die Welt auseinander, aber Hauptsache wir haben einen neuen Plasma, einen Superkochtopf, der alles kann außer zu denken aber einige Hundert € kostet und …. . Ach Gott, der Mensch als Raupe Nimmersatt!!!

      Klar, Preise vergleichen ist ok, aber auch mal darüber nachgedacht, was den Preis, bzw. Wert ausmacht, nicht unbedingt die Marke wie Apple, Samsung & Co sondern die Langlebigkeit/Nachhaltigkeit der Geräte, bzw. die noch enthaltenen Nährstoffe in Lebensmitteln und die faire Kleidung, die keine Kinderarbeit in Indien unterstützt, genau das ist der MehrWert für mich, den ich gerne mehr bezahle, auch wenn ich nicht zu den „Großkotzerten“ gehöre. Wenn ich mal jemanden Fremden total überraschen möchte, sollte er mich frägt, woher hast du denn den Schal, Pulli, ….  dann antworte ich, hm, kann ich jetzt nicht mehr so ganau sagen, denn ich würde sagen, das Teil ist in meinem Besitz seit ca. 10-15 Jahren – teilweise noch länger. Jaaa, das geht auch, und ich bin noch nicht im grauen Rentenalter angekommen. Sorry, Greta Silver, auch da muss sich noch einiges ändern.

      Mal über meinen eigenen Horrizont rausäugen und mich wirklich fragen, muss das jetzt sein, tut mir dies gut? Sich mit Dingen wie Lebensmittelbeschaffung ohne Pestizide auseinandersetzen, Naturkosmetik ausprobieren anstatt sich weiterhin seine Haut samt Umwelt zuzukleistern und im Supermarkt nur noch ein paar Dinge als Grundnahrungsmittel zu kaufen. Alles andere Bio, fair und vom Bauern, der einige Km von dir entfernt ist, aber seinen eigenen Anbau auch noch preislich günstig anbietet. Dafür nimmst du den unbequemen Weg per Rad in Kauf, weil du weisst, das sind jetzt gut Lebensmittel, ich würdige den Bauern und fahre deshalb zu ihm – geht in MUC auch trotz Rewe, Tengelmann % Co an jeder Ecke. Hab ein wenig suchen müssen, aber es geht. Ist für viele natürlich nicht machbar, weil die Öffnungszeiten sind so dolle sind, aber ganz ehrlich, suche ich dann nicht einen Weg dies zu schaffen wenn ich es für gut erachte?

      Manchmal frage ich mich wirklich was diese Menschen hier so antreibt? Geduld, Verständnis, Zuversicht, Träumereien, bedingungslose Ehrlichkeit, die auch mal konstruktiv sein kann, ein echtes Gewissen, dass du nicht alleine auf dieser wunderschönen Erde bist, sondern da ist noch eine ganze Menge mehr vorhanden ist, bzw. sind, die es verdient haben geachtet, respektiert und geliebt zu werden.

      Alles fließt ineiander und hängt voneinander ab, wenn das nicht mal in unseren Köpfen Einsicht findet, dann frage ich mich ersthaft wie lange die Erde uns noch aushält. 🙁

      Das macht unendlich traurig, aber durch deinen Post gebe ich die Hoffnung in die Menschheit nicht auf, es gibt noch ein paar gute Menschen, man muss sie nur finden. 🙂

      DANK dir für deine Worte, die mich jetzt zu einem längeren Post angespornt haben.

      Wir können nicht die Welt verändern, aber wir können uns ändern und anfangen etwas in die richtige Richtung zu schieben!

  • #3715

    idgie
    Teilnehmer

    Vielen Dank, ich freu mich über dein Feedback. Ich mag deine Liedtexte auch sehr.
    Wir haben eine andere Art, es auszudrücken, aber unsere Gedanken gehen in die gleiche Richtung.
    Manchmal bin ich fast mutlos angesichts dessen, was so alles in der Welt passiert. Dann motiviert es mich sehr, selbst unverdrossen weiterzumachen mit meinem Engagement für eine bessere Welt. Es ist wichtig, sich immer mal wieder bewußt zu machen,  dass man kein Einzelkämpfer ist. Offenbar sind es doch mittlerweile so einige Menschen, die sich auf den Weg zu einem bewußteren + nachhaltigen Lebensstil gemacht haben. Und das ist gut so ☺.

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